Nonkonform: was nicht gilt und nicht recht ist

Gestern ging ich der Limmat entlang. Gemütlich schlendernd, tagträumend, geniessend. Ich schaute dem Wasser zu. Da kam von vorne eine stampfende Rauchlokomotive auf mich zu. Gerade wollte ich mich in Sicherheit bringen, da prallte sie auch schon gegen meine Schulter und die Asche ihrer brennenden Zigarette blieb an meinem Pullover hängen. Ich drehte mich um, doch die Frau war schon weg und weiter. Was in der Luft blieb, war, neben dem Kippenrauch, nur ihr wütender Ausruf: «Rechtsverkehr!»

Und tatsächlich. Sie hatte Recht. Ich befand mich auf der linken Seite des drei Meter breiten Trottoirs und hinderte den flüssigen Fussgängerverkehr an der Flusspromenade. Doch ausser mir und der schimpfenden Furie war weit und breit keine Menschenseele zu sehen.

So viele Menschen stampfen mit Scheuklappen durchs Leben. Sie sehen nur, was richtig und recht ist. Sie wissen, was sich gehört und was nicht. Es gibt nur richtig oder falsch, nur links oder rechts, schwarz oder weiss. Kompromisse gibt es nicht. Doch das Leben ist nicht immer eindeutig und Rechtsverkehr.

Auf einer Rolltreppe macht es durchaus Sinn, sich ans «rechts stehen, links gehen»zu halten. Auf der Rolltreppe haben alle die gleiche Richtung und das gleiche Ziel: vorwärts bzw. auf- oder abwärts zu kommen.

Doch an einer Flusspromenade gibt es kein universales Ziel. Es geht nicht nur ums Vorwärtskommen, es gehen nicht alle in die gleiche Richtung. Die Motive, Absichten und Vorgehen aller Passanten sind unterschiedlich.

Deshalb kann man mit dem freien Platz spielen. Sich bewegen, die Richtung und Geschwindigkeit verändern. Stehen blieben und pausieren. Sich umschauen und neue Entscheidungen treffen.

Und weil wir nicht alleine sind, müssen wir auch ausweichen oder umdenken können. Wir werden angeregt, müssen Kompromisse eingehen, uns der Situation anpassen und dazu lernen. Oder wir kämpfen uns blind mit Ellbogen weiter unserem eigenen, vermeintlich richtigen Weg entlang – wütend, schimpfend, stampfend.