«Geistige Buchhaltung» – Ein pragmatisches Plädoyer für Ehrlichkeit

db_Kapla_Turm.jpgStell dir vor, du baust einen Kapla-Turm.

Jedes Hölzchen steht dabei für eine Lüge: Wenn du einen Geschäftskollegen für seine Arbeit lobst, während du dich über ihn hinter seinem Rücken beim Chef beschwerst, eine Ausrede erfindest, weshalb du leider doch nicht an der Familienfeier mit dabei sein kannst oder die Schuld für deine schlechte Leistung beim Tennis-Match auf die miserable Bespannung schiebst. Mit jeder weiteren Lüge, die du erzählst, nimmst du ein Hölzchen aus dem Karton und positionierst es auf dem vorherigen. Mit jeder weiteren Person, die du in dein Lügengeflecht einbindest wächst so dein Turm in die Höhe.

Zu Beginn ist das Stapeln kinderleicht. Der Turm ist stabil und übersichtlich. Doch ab einer gewissen Höhe beginnt er dann, sich ein klein wenig zu bewegen. Etwas zu wackeln. Etwas zu schaukeln. Jedes weitere Hölzchen wird zu einer grösseren Herausforderung. Aus dem simplen Stapeln wird ein Balanceakt, eine Zitterpartie. Jedes Hölzchen muss so positioniert werden, dass das wacklige Konstrukt nicht zusammenbricht. Eine falsche Bewegung mit dem Ellenbogen, ein Freund, der ein Stück herauszieht oder einfach ein unpräzis gelegtes Hölzchen… Und der gesamte Turm bricht in sich zusammen. Was bleibt? Ein Scheiterhaufen. Und eine Menge aufzuräumen.

Was ist die Alternative? Gar nicht erst zu lügen. Gar nicht erst einen Turm zu bauen. Wenn du keine Hölzchen stapelst, kann auch nichts zusammenbrechen. Wenn du keinen Turm baust, musst du auch auf keinen Acht geben.

Fernab von allen ethischen und moralischen Argumenten gibt es also einen konkreten pragmatischen Grund, nicht zu lügen. Sam Harris nennt diesen in seiner Abhandlung über das Lügen «Geistige Buchhaltung»:

«One of the greatest problems for the liar is that he must keep track of his lies. (…) Lies beget other lies. Unlike statements of fact, which require no further work on our part, lies must be continually protected from collisions with reality. When you tell the truth, you have nothing to keep track of. The world itself becomes your memory, and if questions arise, you can always point others back to it. You can even reconsider certain facts and honestly change your views. And you can openly discuss your confusion, conflicts, and doubts with all comers. In this way, a commitment to the truth is naturally purifying of error.

But the liar must remember what he said, and to whom, and must take care to maintain his falsehoods in the future. This can require an extraordinary amount of work — all of which comes at the expense of authentic communication and free attention. The liar must weigh each new disclosure, whatever the source, to see whether it might damage the facade that he has built. And all these stresses accrue, whether or not anyone discovers that he has been lying.

Tell enough lies, however, and the effort required to keep your audience in the dark quickly becomes unsustainable. While you might be spared a direct accusation of dishonesty, many people will conclude, for reasons that they might be unable to pinpoint, that they cannot trust you. You will begin to seem like someone who is always dancing around the facts — because you most certainly are.»