Mit der Nase auf der Leinwand oder der Stirn an der Fensterscheibe

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Sie stösst mit dem Kopf gegen das Glas. Sie setzt sich hin und versucht es bald darauf von neuem. Mit aller Kraft schlägt sie mit den Flügeln und bemüht sich, das transparente Hindernis zu durchdringen. Doch immer und immer wieder prallt sie gegen die unsichtbare Wand.

Wir kennen die Fliege an der Fensterscheibe, die unermüdlich und ununterbrochen gegen das Glas fliegt. Wir können zwar versuchen, der Fliege das Fenster zu öffnen, doch sie wird kaum einen halben Meter zurückfliegen, die Situation beurteilen und sich neu orientieren. Nein,  sie fliegt weiterhin beharrlich gegen die Scheibe.

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Sie tunkt den Pinsel in die Farbe, hebt ihn an und malt eine Linie auf die Leinwand. Dann dreht sie sich um, bewegt sich weg und weiter weg vom Gemälde, und beurteilt aus der Ferne die Wirkung der Linie auf die Gesamtkomposition. Dann nimmt sie schnelle Schritte zurück an den Arbeitsplatz, malt den nächsten Farbklecks und stürmt erneut auf die andere Seite des Raumes, wo der Effekt des Pinselstrichs ersichtlich wird.

Wir kennen auch die Malerin, die sich ständig von ihrer Leinwand entfernt, um den Arbeitsprozess aus unterschiedlichen Distanzen zu beurteilen. Und wir können uns vermutlich an eigene Zeichenversuche erinnern: Auf dem Schreibtisch sieht das Gekritzel jeweils noch ziemlich passabel aus. Wenn wir aber die Zeichnung an die Wand hängen und einige Schritte zurücktreten, so scheinen sich die Proportionen zu verschieben, die Farben zu verändern und was auf dem Tisch noch einem Gesicht ähnelte verwandelt sich mit zunehmender Entfernung in eine unförmige Kartoffel.

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Im Alltag ist es einfach, die Fliege an der Fensterscheibe zu spielen, den Kopf immer wieder in die Wand zu schlagen und sich zu wundern, weshalb man nicht vorwärts kommt. Es ist verlockend, sich in Details zu verlieren und an Feinheiten herumzuschrauben, die, sobald wir vom Schreibtisch aufstehen, für das Auge nicht mehr wahrnehmbar sind. Es macht Spass, mit den Atomen zu spielen, ohne zu wissen, welches Molekül sie zusammensetzen, welche Funktion dieses Molekül im Organismus übernimmt und welcher Art der Organismus überhaupt angehört.

Auf der anderen Seite ist es mühsam, immer wieder einige Schritte zurückzugehen und die eigene Arbeit aus der Distanz zu betrachten. Es ist unangenehm, sich die Frage zu stellen, was nicht funktioniert und was verändert werden sollte. Es schmerzt, die eigene Arbeit zu kritisieren, zu verwerfen oder von Neuem zu beginnen.

Doch wenn wir den Anspruch haben, besser zu werden, sollten wir nicht die Fliege, sondern die Malerin imitieren: Denn viele Probleme sehen wir nicht mit der Nase auf der Leinwand oder der Stirn an der Fensterscheibe.

Wenn wir aber ein paar Schritte zurücktreten, so fällt uns plötzlich ein falscher Pinselstrich auf. Oder gar ein offenes Fenster?