Ich war einmal an einer Lesung…

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Man bittet keinen Sternekoch, vor Publikum sein eigenes Essen zu verkosten. Man bittet keinen Tennisspieler, vor Zuschauern sein gespieltes Match am Fernseher anzuschauen. Man bittet keinen Maler, vor Menschen mit dem Finger den Linien auf seinem Gemälde nachzufahren. Nein – man bittet sie, zu kochen, zu spielen und zu malen.

Aber einen Autor setzt man auf einen Stuhl in die Mitte eines gefüllten Raumes. Dann gibt man ihm sein eigenes Buch in die Hand und bittet ihn, daraus vorzulesen. Dann beginnt der Autor mit seiner (meist durchschnittlichen) Lesestimme, die Worte und Sätze so zu rezitieren, wie sie jeder Anwesende im Buch selbst nachlesen kann und vermutlich wird.

Um fair zu sein, es wäre absurd, einen Autor zu bitten, ihm beim Schreiben zuzusehen. Zum einen wäre es sterbenslangweilig und zum anderen würde dieser mit einigen Augenpaaren, die über seine Schulter aufs Papier oder den Bildschirm schauen, vermutlich nichts Substantielles mehr zustande bringen.

Doch ist es zu viel verlangt, bei einer Lesung auf einen Mehrwert zu hoffen? Etwas zu sehen, zu hören, zu spüren, was man nicht selbst im Buch nachlesen kann? Die Person hinter der Geschichte kennenzulernen. Die Schmerzen nachzuvollziehen, die das Buch forderten. Oder die Begeisterung bzw. Erleichterung über die Fertigstellung wahrzunehmen. Zu wissen, wie es ist, die eigenen Gedanken in Papierform im Buchgeschäft liegen zu sehen. Es braucht nicht viel. Nur etwas mehr als ein Vorlesen.