Schreiben und Gehirnchirurgie

Geschriebenes

Das Schreiben ist Kuriosum.

Es ist unfassbar. Es gibt keine Gebrauchsanleitung. Es ist etwas Peripheres und doch Durchschlagendes. Es ist etwas Verblüffendes und gleichzeitig Enttäuschendes. Es ist etwas Magisches. Oder doch nicht?

John D. MacDonald (1916 – 1986) schreibt im Vorwort zu Stephen Kings Night Shift, wie er oft auf Parties mit einem schief lächelnden Händedruck angesprochen wurde: «Weisst du, ich wollte immer ein Schriftsteller werden.» MacDonalds Antwort war nicht weniger schlagfertig, als dass sie auf ein essentielles Organ abzielte: «Weisst du, ich wollte immer ein Gehirnchirurg werden.»

Gehirnchirurgie ist kein Kuriosum. Es ist eine Wissenschaft. Oder ein Handwerk. Vielleicht auch eine Kunst. Aber es ist auf jeden Fall etwas Konkretes. In Form einer jahrzehntelangen, zähneknirschenden Ausbildung kann man sich man das nötige theoretische und praktische Wissen dazu aneignen. Es gibt einen klar definierten Karriereweg und mit viel Ausdauer und Disziplin kann (fast) jede und jeder Gehirnchirurg_in werden.

Mit dem Schreiben ist es ein bisschen anders.

Du möchtest schreiben? Dann schreibe.

Gehirnchirurg_in zu werden, indem man in Köpfen herumschnipselt, ist eine problematische Herangehensweise. Doch für das Schreiben ist es die einzige. Schreibe, um schreiben zu lernen. Das ist alles. Es braucht viel Übung…

… und eine Liebe zu Wörtern.
… und die Bereitschaft, viel zu lesen.
… und die Lust, sich selbst und damit andere Menschen genau kennenzulernen.
… und den Mut, Annahmen zu treffen.
… und einen starken Magen, um mit emotionaler Arbeit umgehen zu können.
… und noch einige weitere Dinge. Aber das Wichtigste ist das Schreiben.

Ich für meinen Teil habe gelernt, dass ich das Geschriebene veröffentlichen muss. Nicht weil es gut ist. Nein, ich bin mir bewusst, dass viele meiner Artikel weder meinen eigenen noch den Ansprüchen meiner Leser genügen. Aber Ansprüche sind nicht das Ziel. Schreiben ist das Ziel. Dieser Blog gibt mir eine Verbindlichkeit. Er gibt mir einen Rhythmus. Wenn ich regelmässig veröffentliche, dann muss ich regelmässig schreiben. Das ist das einfache Rezept. Das ist das ganze Rezept. Und indem ich regelmässig schreibe, hoffe ich, dass ich darin besser werde. Nicht morgen. Auch nicht übermorgen. Aber vielleicht in fünf oder zehn Jahren.

Die Alternative ist, Gehirnchirurg zu werden. Nicht unbedingt einfacher. Oder schneller. Aber greifbarer.


Bild: Zwei sezierte Köpfe von Jacques-Fabien Gautier d’Agoty aus Anatomie de la tête von 1748. (Quelle)