Ein Korb voller Äpfel – Descartes und der Skeptizismus

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«Nehmen wir an, [eine Person] hätte einen Korb voller Äpfel und wollte, weil darin einige Äpfel faul waren, die faulen herausnehmen, um die Ausbreitung der Fäulnis zu verhindern. Wie würde sie vorgehen?» Diese Frage stellt René Descartes (1596-1650) als Antwort auf die Kritik an seinem kollektiven Zweifel in den Meditationen.

Kollektiv? Ja. Radikal? Auf jeden Fall. Da muss man seinen Kritikern recht geben. Descartes nahm sich in seinem bekanntesten Werk nämlich nichts weniger zum Ziel, als alles – und wirklich alles – Bekannte zu hinterfragen. Sein Werkzeug war eine gewaltige Abrissbirne, die weder die älteste oder stabilste, noch die schönste Mauer stehen lassen sollte. Alles musste weg, um vom Fundament auf eine stabile und unerschütterliche Weltansicht aufzubauen.

«Ich will also alles beseitigen, was auch nur den Schein eines Zweifels zulässt, (…) ich will vorwärts dringen, bis ich etwas Gewisses erkenne, sollte es auch nur die Gewissheit sein, dass es nichts Gewisses gibt.» (S. 77)

Die eigenen Überzeugungen, Meinungen und Perspektiven verhalten sich dabei wie ein Korb voller Äpfel. Es ist durchaus möglich, dass im Korb der eine oder andere Apfel faul ist. Doch wen kümmert das? Es spielt doch keine Rolle, wenn einige Faule in einer Menge Gesunden mit dabei sind? Oder? Doch, das tut es, wie Descartes erklärt. Denn Fäulnis ist wie eine ansteckende Krankheit. Werden die kranken Äpfel nicht entfernt, so «infizieren» sie alle gesunden Äpfel um sich herum.

Auch Überzeugungen können nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Jede Meinung ist ein Knotenpunkt in einem komplexen Netzwerk. Wird eine Unwahrheit irrtümlicherweise als Wahrheit behandelt, wie im Beispiel Descartes der Glauben an die Zuverlässigkeit der eigenen Sinne oder das Vertrauen auf antike Autoritäten, so droht sich die Falschheit auf andere Überzeugungen innerhalb des Systems auszudehnen.

Nur leider kann man nicht einfach seine Hand in den Korb voller Äpfel stecken und die faulen hinausziehen. Wird auch nur ein einziger, verwesender Apfel vergessen, so war die ganze Arbeit umsonst. Es bleibt also nur eine Möglichkeit, um sich sicher zu gehen: Den ganzen Korb auszuleeren und jeden einzelnen Apfel zu inspizieren, die faulen auszusortieren und die gesunden sorgfältig wieder in den Korb zu legen. Pingelig und gründlich.

Der Moment des Umkippens ist beängstigend. Man muss dazu bereit sein, die Fäulnis der liebgewonnensten Meinungen zu akzeptieren. Man muss sich darauf einlassen, die Tatsachen mit dem Verstand und nicht mit den Gefühlen zu beurteilen. Und man muss damit rechnen, dass unter der Oberfläche möglicherweise mehr faul ist, als man es gerne hätte.

Jeden einzelnen Apfel umzudrehen ist schmerzhaft, anstrengend und zeitintensiv. Doch wenn es wirklich wichtig ist, dann lohnt es sich…

…vielleicht?

Gif: Sich drehende Äpfel (https://i1.wp.com/denkbrocken.com/wp-content/uploads/2019/04/db_apfel.gif?w=700&ssl=1)

Vollständiges Zitat der Apfel-Analogie:

«Suppose [a person] had a basket full of apples and, being worried that some of the apples were rotten, wanted to take out the rotten ones to prevent the rot spreading. How would he proceed? Would he not begin by tipping the whole lot out of the basket? And would not the next step be to cast his eye over each apple in turn, and pick up and put back in the basket only those he saw to be sound, leaving the others? In just the same way, those who have never philosophized correctly have various opinions in their minds which they have begun to store up since childhood, and which they therefore have reason to believe may in many cases be false. They then attempt to separate the false beliefs from the others, so as to prevent their contaminating the rest and making the whole lot uncertain. Now the best way they can accomplish this is to reject all their beliefs together in one go, as if they were all uncertain and false. They can then go over each belief in turn and re-adopt only those which they recognize to be true and indubitable.» (Replies 7, AT 7:481, CSM 2:324)

Quellen:

Betz, Gregor (2011). Descartes’ “Meditationen über die Grundlagen der Philosophie”: ein systematischer Kommentar. Stuttgart: Reclam.

Descartes, René (1986). Meditationes de prima philosophia: lateinisch/deutsch (Herausgegeben und übersetzt von Gerhart Schmidt). Stuttgart: Reclam.

Newman, Lex, “Descartes’ Epistemology”, The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Spring 2019 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = <https://plato.stanford.edu/archives/spr2019/entries/descartes-epistemology/> (abgerufen am 21.4.2019).

Southwell, Gareth (2008). A Beginner’s Guide to Descartes’s Meditations. Malden, Mass.: Blackwell Publishing.