Die Geschichte über sich selbst

Geschriebenes
Bild: Screenshot aus "Plastic Reconstruction of Face" (1918) URL: https://medicineonscreen.nlm.nih.gov/portfolio/plastic-reconstruction-of-face/#jp-carousel-672

Letzte Woche stieg ich mit einem älteren Herrn in den Zug nach Zürich. Und wie ältere Menschen nun mal oft sind, begann er mit seiner älteren Stimme zu sprechen. Anstatt mir die Kopfhörer in die Ohren zu stecken, wendete ich mich ihm zu und hörte mir seine Geschichte an: die Geschichte über sich selbst.

Der Herr erzählte nicht über seine Jugend, nicht über seine Schulzeit, nicht übers Militär, seine Hochzeit, seine Kinder. Er erzählte mir nicht sein Leben und nicht seine Vergangenheit. Er schwatzte über seinen geplanten Nachmittag, das Wetter und die Zugfahrt. Und doch erzählte er alles über sich selbst.

Je länger er sprach, desto öfter wiederholten sich einige Bausteine. Je mehr er mir erzählte, desto genauer erkannte ich ein bestimmtes Muster. Je weiter er ausführte, desto klarer wurde seine Geschichte über sich selbst. Je öfter seine Wiederholungen auftauchten, desto offensichtlicher wurden bestimmte Maximen, welche die Eckpfeiler seiner Geschichte bildeten. Fünf davon – um genau zu sein. Und zwar folgende:

1. Ich bin 83 Jahre alt.
2. Ich habe alle Zeit der Welt.
3. Ich bin rundum glücklich.
4. Ich bin in Zürich aufgewachsen.
5. Ich kenne Zürich wie meine Hosentasche.
6. Ich habe die beste Frau der Welt.

Das meine ich wortwörtlich. Ich habe sie mir aufgeschrieben (auf Schweizerdeutsch, versteht sich). Diese Maximen tauchten in allen vorstellbaren Kombinationen und Konstellationen in seinen Äusserungen auf. Ein Ausschnitt aus unserem Gespräch hätte ungefähr so aussehen können:

Er gehe an den Zürichsee, seine Frau habe ihm freigegeben, sagte der Herr mit einem Schmunzeln. «Ich habe eben die beste Frau der Welt.» Was er vorhabe, das wisse er noch nicht genau. «Ich habe alle Zeit der Welt.» Überhaupt dauere für ihn heutzutage alles ein bisschen länger. «Ich bin ja schon 83 Jahre alt.» Aber das störe ihn kein bisschen, er sei ja «rundum glücklich.» Mit einem Lächeln auf den Lippen lebe es sich am besten. Besonders in Zürich, seiner Herzstadt. «Ich bin in Zürich aufgewachsen.» In dieser Stadt könne er stundenlang flanieren. Verlaufen? Das würde ihm nie geschehen. «Ich kenne Zürich wie meine Hosentasche.» Seine Frau verstehe, dass er manchmal Heimweh nach Zürich verspürt. Überhaupt habe er «die beste Frau der Welt.» Und so weiter…

Nach einigen Minuten konnte ich voraussagen, wann er seine nächste Maxime einwerfen würde, wann die nächste Wiederholung kommen könnte und wie er einen Bogen schlagen müsste, um wieder bei seinem Alter, seiner Frau oder seinem Zürich zu landen. Dass das Gespräch nach kurzer Zeit eintönig wurde, störte mich nicht. Denn ich hatte etwas gelernt. Ich hatte gelernt, was eine Geschichte über sich selbst für eine Rolle spielen kann.

Die Geschichte des Herrn ist sorgfältigst konstruiert. Sie spricht in einem positiven, konstruktiven Grundton über seine Erfahrung und sein Lebensgefühl. Sie gibt ihm Gesprächsstoff und lässt fast jede Konversation an seine Maximen anknüpfen. Sie ist einfach zu merken und vermittelt ihm ein gutes Gefühl von sich selbst. Sie gibt ihm in seinem Denken und Handeln Orientierung und repräsentiert einen pragmatischen Massstab für allerlei Entscheidungen, die es im Alltag zu treffen gibt.

Ich stieg aus dem Zug aus mit einer Menge Fragen im Kopf. Keine Fragen über den Herrn, sondern über mich selbst: Was ist meine Geschichte? Was sind meine Maximen? Und wie könnte ich diese gestalten, damit sie mein Leben strukturieren, meine Entscheidungen vereinfachen und ein positives Bild von mir selbst zeichnen?

Das schöne an einer Geschichte über sich selbst: Sie muss nicht einmal ganz wahr sein. Es reicht, wenn eine Person die Geschichte glaubt. Und diese Person ist man selbst.

Lasst uns nach unseren Geschichten suchen. Oder sie selber schreiben.