Unzureichend und trotzdem wertvoll

Geschriebenes

Alexander Gottlieb Baumgarten (1714-1762) definiert in seiner Aesthetica Schönheit als Perfektion, die sich durch ein harmonisches Zusammenspiel verschiedener Elemente auszeichnet. Nach Lew Tolstoi (1828-1910) in Was ist Kunst? lässt sich richtige Kunst daran erkennen, dass sie eine emotionale Ansteckungsfähigkeit besitzt. Und Aristoteles (385-323 v. Chr.) stellt die Tragödie in der Poetik als Nachahmung einer geschlossenen Handlung dar, die beim Zuschauer mittels emotionaler Erregung eine seelische Reinigung in Gang setzten kann.

Obwohl alle drei Herangehensweisen interessant sind, können sie das Wesen dessen nicht erfassen, was sie zu definieren versuchen. Nach Baumgarten lässt sich Schönheit nicht in einfachen Dingen finden. Tolstoi hätte Mühe das Entzücken durch Katzenvideos von Kunst zu unterschieden. Und Aristoteles Definition lässt selbst bei den großen Dramen seiner Zeit Fragen offen.

Und doch sind die Definitionsversuche wertvoll, weil sie dabei helfen, unterschiedliche Aspekte und Symptome ins Licht zu rücken und die Gegenstände auf eine neue Art und Weise zu sehen und verstehen zu lernen. Baumgartens Ausarbeitungen können den Blick schärfen und helfen, neue Zusammenhänge zu erkennen. Tolstois Aufmerken kann als Hinweis angesehen werden, dass es sich lohnt, bei Gemälden auf den emotionalen Ausdruck zu achten. Selbst Aristoteles Poetik sollte vielleicht besser als Leitfaden gelesen werden, wie man eine griechische Tragödie wahrnehmen kann.


Quellen:

  • Aristoteles (1994): Poetik: Griechisch / Deutsch. Hg. und übers. von Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam.
  • Baumgarten, Alexander (2007): Ästhetik. 2 Bände. Lat.-Deutsch. Übers. mit einer Einführung, Anm. und Registern hg. von Dagmar Mirbach. Hamburg: Meiner.
  • Kennick, William E. (1958): „Does Traditional Aesthetics Rest on a Mistake?“, Mind 67(267), 317–334.
  • Tolstoi, Lew (1902): Was ist Kunst? [1898], übersetzt von Michael Feofanoff. Leipzig: Diederichs.

Bild: Ausschnitt aus Jealousy (1896) von Edvard Munch – Quelle.