Rekorde oder was davon übrig bleibt

Geschriebenes

Beim Ausmisten habe ich letzte Woche aus einer Kartonkiste ein gerahmtes Dokument ausgegraben. Hinter der staubigen Glasscheibe prangte in schwarzen Großbuchstaben der Titel «CERTIFICATE» mit einer ausführlichen Beschreibung unter einem blauen, runden Logo, das jedem Kind auf den ersten Blick die Pupillen weitet – richtig, ich halte einen Guinness-World-Record. Nur… na ja, nicht so wirklich. Ich habe nämlich weder 83 Bierdosen in einer Minute mit dem linken Ellenbogen zerschmettert noch für über zwei Minuten den Atem unter einer violett viskosen Wasser-Gelatine-Mischung angehalten. Mein Weltrekord – wenn dieser Name überhaupt angebracht ist – ist bzw. war um einiges unnötiger.

2010 fand in der Mehrzweckhalle unserer Agglo-Gemeinde die «largest sculpting lesson» der Geschichte statt. In anderen Worten: Ich und dreihundert weitere Primarschüler*innen trugen ein von Lokalgeschäften gesponsertes T-Shirt und drückten während 45 Minuten frisch und munter auf einem Klumpen Ton herum, während auf der Bühne die Lehrerin über Lautsprecher fetzige Musik laufen ließ. Das war alles. Mein Weltrekord. Und noch bevor mein Zertifikat in den Karton verschwand, war der logistisch und finanziell sicherlich nicht ganz so unbeachtliche Erfolg unsererseits, bereits übertrumpf. (Den aktuellen Guinnes World Record für die «largest sculpting lesson» hält The Honk Kong Jockey Club mit 1,082 Personen.)

Nachdem ich also meinen Rekord mit einem feuchten Lappen vom Dreck der Zeit befreite, steckte ich ihn zurück in die Kiste. Denn ein Zertifikat für einen Guinnes World Record ist – vielleicht – immer noch besser als keines.


Bild: Hungarian holy crown from The Torten Of The Hungarian Nation. Edited by Szilágyi S. (1895). Original from the British Library – Quelle.