Magnasson und (Zeit-)Spannen | Literaturbrocken # 20
Geschriebenes
Strecke deine Hände zur Seite aus. Weiter. Und noch ein bisschen. Noch etwas mehr. Und wenn deine Schultern und Finger brennen, liegen nochmals ein oder zwei Millimeter drin. Jetzt, wo jede deiner Fasern bis zum Zerreißen gespannt ist und du vor lauter Streckung das Atmen vergisst, hast du deine maximale Spannweite erlebt: Der größtmögliche horizontale Abstand, den dein Körper stehend überbrücken kann.
Dieser Spannweite sind wir uns im Alltag einigermaßen bewusst; Wir strecken die Arme aus, greifen nach Dingen und bewegen uns, falls die eigene Armlänge nicht ausreicht. Um andere, weniger körperliche Spannweiten vor Augen zu führen, braucht es manchmal ein Buch. In diesem Fall der essayistische Roman Wasser und Zeit von Andri Snaer Magnason:
«Wie alt ist deine Uroma, wenn sie 1924 geboren wurde?»
«94!», antwortet sie prompt.
«Schnell gerechnet», lobe ich.
«Aber ich wusste ja, wie alt sie ist», erwidert sie grinsend.
«Jetzt musst du aber wirklich rechnen. In welchem Jahr wirst du 94 sein?»
«Also 2008 plus 94?»
«Ja, genau.»
Sie nimmt einen Zettel und einen Stift und schaut ungläubig auf das Blatt. Dann zeigt sie mir das Ergebnis, als müsste es ein Missverständnis sein.
«2102?»
«Stimmt! Dann wirst du hoffentlich genauso fit sein wie die Uroma heute. Vielleicht wohnst du sogar in diesem Haus. Und vielleicht kommt im Jahr 2102 deine zehnjährige Urenkelin zu Besuch und sitzt mit dir in dieser Küche, so wie du jetzt hier sitzt.»
«Hm, vielleicht», sagt Hulda und nippt an ihrem Milchglas.
«Lass uns mal weiterrechnen. Wann wird deine Urenkelin 94 Jahre alt sein?»
Hulda schreibt die Rechenaufgabe mit meiner Hilfe auf das Blatt.
«Wird sie 2092 geboren?»
«Ja, richtig gerechnet.»
«2092 plus 94 ergibt … 2186!» Sie lacht bei dem Gedanken.
«Ja, stell dir mal vor! Du wirst vielleicht ein Mädchen kennen, das im Jahr 2186 noch lebt.»
Hulda kräuselt die Lippen und blickt mich schelmisch an.
«Darf ich jetzt gehen?», fragt sie.
«Gleich», antworte ich, «ich habe nur noch eine Rechenaufgabe für dich. Wie lang ist es von 1924 bis 2186?»
Hulda rechnet wieder.
«262 Jahre?»
«Stell dir mal vor! 262 Jahre! Das ist die Zeitspanne, mit der du in Verbindung stehst. Du kennst Menschen aus dieser gesamten Zeitspanne. Deine Zeit ist die Zeit von jemandem, den du kennst, den du liebst und der dich prägt. Und deine Zeit ist auch die Zeit von jemandem, den du kennen und lieben wirst, die Zeit, die du gestalten wirst. Du kannst 262 Jahre mit deinen bloßen Händen berühren. Deine Uroma bringt dir etwas bei, und du bringst deiner Urenkelin etwas bei. Du kannst direkten Einfluss auf die Zukunft nehmen, bis zum Jahr 2186.»
«2186!»
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Literatur: Magnason, Andri Snaer: Wasser und Zeit. Eine Geschichte unserer Zukunft. Berlin 2020, S. 21-22.