Schreiben und Gehirnchirurgie

Das Schreiben ist Kuriosum.

Es ist unfassbar. Es gibt keine Gebrauchsanleitung. Es ist etwas Peripheres und doch Durchschlagendes. Es ist etwas Verblüffendes und gleichzeitig Enttäuschendes. Es ist etwas Magisches. Oder doch nicht?

John D. MacDonald (1916 – 1986) schreibt im Vorwort zu Stephen Kings Night Shift, wie er oft auf Parties mit einem schief lächelnden Händedruck angesprochen wurde: «Weisst du, ich wollte immer ein Schriftsteller werden.» MacDonalds Antwort war nicht weniger schlagfertig, als dass sie auf ein essentielles Organ abzielte: «Weisst du, ich wollte immer ein Gehirnchirurg werden.»

Gehirnchirurgie ist kein Kuriosum. Es ist eine Wissenschaft. Oder ein Handwerk. Vielleicht auch eine Kunst. Aber es ist auf jeden Fall etwas Konkretes. In Form einer jahrzehntelangen, zähneknirschenden Ausbildung kann man sich man das nötige theoretische und praktische Wissen dazu aneignen. Es gibt einen klar definierten Karriereweg und mit viel Ausdauer und Disziplin kann (fast) jede und jeder GehirnchirurgIn werden.

Mit dem Schreiben ist es ein bisschen anders.

Du möchtest schreiben? Dann schreibe.

GehirnchirurgIn zu werden, indem man in Köpfen herumschnipselt, ist eine problematische Herangehensweise. Doch für das Schreiben ist es die einzige. Schreibe, um schreiben zu lernen. Das ist alles. Es braucht viel Übung…

… und eine Liebe zu Wörtern.
… und die Bereitschaft, viel zu lesen.
… und die Lust, sich selbst und damit andere Menschen genau kennenzulernen.
… und den Mut, Annahmen zu treffen.
… und einen starken Magen, um mit emotionaler Arbeit umgehen zu können.
… und noch einige weitere Dinge. Aber das Wichtigste ist das Schreiben.

Ich für meinen Teil habe gelernt, dass ich das Geschriebene veröffentlichen muss. Nicht weil es gut ist. Nein, ich bin mir bewusst, dass viele meiner Artikel weder meinen eigenen noch den Ansprüchen meiner Leser genügen. Aber Ansprüche sind nicht das Ziel. Schreiben ist das Ziel. Dieser Blog gibt mir eine Verbindlichkeit. Er gibt mir einen Rhythmus. Wenn ich regelmässig veröffentliche, dann muss ich regelmässig schreiben. Das ist das einfache Rezept. Das ist das ganze Rezept. Und indem ich regelmässig schreibe, hoffe ich, dass ich darin besser werde. Nicht morgen. Auch nicht übermorgen. Aber vielleicht in fünf oder zehn Jahren.

Die Alternative ist, Gehirnchirurg zu werden. Nicht unbedingt einfacher. Oder schneller. Aber greifbarer.

((Bild: Two dissected heads by Jacques-Fabien Gautier d'Agoty from Anatomie de la tete, 1748.))

Zwei sezierte Köpfe von Jacques-Fabien Gautier d’Agoty aus Anatomie de la tête von 1748. (Quelle)

… und der Mond bleibt still

«Mama», murmelt ein vierjähriges Mädchen mit ihrer Nase an der Fensterscheibe des Zuges.

«Es sieht so aus, als würden die Wolken mit uns fahren.»

Ihre grossen Augen spiegeln sich im Vorbeiziehen der grauen Häuserfassaden.

«Ich weiss aber, dass es nicht so ist. Es sieht nur so aus.»

Sie stützt ihr Kinn auf die kleinen Fäuste. Ihr Blick zeigt nach oben.

«Das ist wie beim Autofahren in der Nacht. Man denkt, dass sich der Mond mit uns bewegt. Dabei bleibt er still.»

GIF: Mond aus Sky: A Film Lesson in "Nature Study" (https://archive.org/details/6090_Sky_A_Film_Lesson_in_Nature_Study_The_01_35_14_18)

Zwei Arten von Eigentum

Wenn ich jeden Tag einen Gegenstand aus meinem Zimmer nehme und jemandem schenke, dann werde ich irgendwann niemandem mehr etwas aus meinen Zimmer schenken können. Denn irgendwann wird mein Zimmer leer sein.

Was ist aber mit Worten und Gedanken? Wenn ich jeden Tag mit jemandem eine Idee teile, dann kann ich dies mein ganzes Leben lang machen. Denn ich besitze die Idee auch dann noch, wenn ich sie mit jemandem geteilt habe.

Das ist der Unterschied zwischen Gegenständen und Ideen: Wenn ich einen Gegenstand verschenke, dann besitzt ihn ein anderer. Wenn ich eine Idee verschenke, dann besitzen sie beide. Wenn ein Gegenstand den Besitzer wechselt, dann bleibt sein Wert gleich. Wenn eine Idee geteilt wird, dann steigt ihr Wert an.

Ideen multiplizieren sich, wenn sie geteilt werden. Und dort hört es nicht auf: Ideen, die sich verbreiten, stecken an, inspirieren zu weiteren Ideen und prägen unsere Kultur.

Ich kann Dir zwar nicht meinen Computer schenken, aber ich schenke Dir sehr gerne diesen Text, den ich auf dem Computer getippt habe. (Und hoffe, dass Du ihn oder eine andere Idee in einer anderen Form weiterschenkst.)

Bild: «Chordaria flagelliformis» von Anna Atkins (1799-1871)

«Wenn du einen Apfel hast, und ich habe einen Apfel, und wir tauschen die Äpfel, wird jeder von uns nach wie vor einen Apfel haben. Wenn du aber eine Idee hast, und ich habe eine Idee, und wir tauschen diese Ideen aus, wird jeder von uns zwei Ideen haben.» – George Bernard Shaw


Anmerkungen:

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem monatlichen Newsletter von Denkbrocken. Hier kannst Du dich in die Liste eintragen!

Als Weiterführung empfehle ich Seth Godins interessanten Podcast über „Intellectual Property“ oder ein Denkbrocken-Artikel zum Thema „Netzwerkeffekt“.

Die Fotografie der Alge «Chordaria flagelliformis» ist ein Werk der englischen Botanikerin Anna Atkins (1799-1871). Photographs of British Algae markierte ein Meilenstein in der Geschichte der Fotografie und des Publizierens: Es handelt sich gleichzeitig um das erste fotografische Werk einer Frau und das erste vollständig mit fotografischen Mitteln produzierte Buch. (Quelle)

Meister- oder Leidenschaft? – Cal Newport über die Suche nach beruflicher Erfüllung

Wir kennen sie alle: Die Geschichten von scheinbar vorprogrammierten Karrieren. Wir hörten alle vom Kind, dass sich nur für das Weltall interessierte und heute bei der NASA beschäftigt ist. Wir kennen das musikalische Wunderkind, das seinen Weg in die Reihen der Wiener Philharmoniker geschafft hat. Der renommierte Architekt, der als Kind seine Zeit nur mit Legosteinen verbrachte. Die Meeresbiologin, die bereits auf Kindesbeinen nichts anderes machen wollte, als Delphine zu retten. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie machten ihre Leidenschaft zum Beruf.

Solche Geschichten erwecken den Eindruck, als hätten wir alle tieferliegende Leidenschaften in uns. Eine Art biologischen Trieb, den es nur aufzudecken, zu ergründen und zu entfalten gilt. Doch was ist, wenn wir keine solche Leidenschaft spüren? Oder was, wenn wir uns für verschiedene Dinge faszinieren? Und was, wenn vielleicht keines dieser Dinge in uns ein Feuer entfacht, das wir unser ganzes Leben lang brennen lassen möchten? Was dann?

Dann kann man entspannt durchatmen. Denn vielleicht ist die Leidenschaft nicht der einzige oder gar richtige Weg zur beruflichen Erfüllung. Nein, das ist vielleicht sogar noch ein wenig untertrieben.

Bild: 'Lilliput Lyrics ... Edited by R. Brimley Johnson. Illustrated by Chas. Robinson' – blumenpflückendes Mädchen

Auf 250 Seiten argumentiert der amerikanische Autor und Wissenschaftler Cal Newport in seinem Buch So good they can’t ignore you, weshalb wir uns besser die Ohren zuhalten sollten, wenn uns jemand den Ratschlag «Folge deiner Leidenschaft» mit auf den Weg geben möchte.

Denn tiefgreifende philosophische Fragen wie «Wer bin ich?» oder «Was liebe ich wirklich?» seien nicht nur schwierig zu beantworten, sondern auch unmöglich zu bestätigen. Leidenschaft führe zu Erwartungen und Erwartungen zu Enttäuschungen. Wir werden niemals in der Lage sein, dem Ideal in unseren Köpfen zu entsprechen. Im Gegenteil – wir werden jeweils nur das wahrnehmen, was von unserer Wunschvorstellung abweicht.

Bild: 'Lilliput Lyrics ... Edited by R. Brimley Johnson. Illustrated by Chas. Robinson' – Mädchen schaut sich im Spiegel an

Ausserdem lässt das passion-mindset, wie Newport den Glauben an die Erfüllung in der Leidenschaft nennt, einen zentralen Faktor ausser Acht: Die harte Arbeit, die es braucht, um in einem Bereich gut zu werden.

Wie Forschungsarbeiten von Amy Wrzesniewski, eine Professorin im Bereich «Organizational Behaviours» an der Yale Universität, bestätigen, sind die glücklichsten und leidenschaftlichsten Mitarbeiter in einem Unternehmen jene, die ihren Job als eine Berufung ansehen. Und zufälligerweise sind genau diese Arbeiter auch diejenigen, die bereits am längsten ihren Job ausführten und sich die Chance gaben, in ihrem Handwerk aussergewöhnlich gut zu werden.

Bild: 'Lilliput Lyrics ... Edited by R. Brimley Johnson. Illustrated by Chas. Robinson' – Kind malt an Staffelei

Dem passion-mindset stellt Newport in seinem Buch das craftsman-mindset gegenüber:

«Whereas the craftsman mindset focuses on what you can offer the world, the passion mindset focuses instead on what the world can offer you.»

Bild: 'Lilliput Lyrics ... Edited by R. Brimley Johnson. Illustrated by Chas. Robinson' Kind mit Angel in Hand winkt Fisch zu sich hin

Anstatt unserer Leidenschaft zu folgen, sollten wir unseren Job mit der Einstellung eines Handwerkers angehen und uns die Zeit geben, Meisterschaft zu erlangen. Beherrschung gehe über Passion und Fähigkeiten über Träume:

«What you produce is basically all that matters. If you spend too much time thinking whether or not you’ve found your true calling, the question will be rendered moot when you find yourself out of work.»

Bild: 'Lilliput Lyrics ... Edited by R. Brimley Johnson. Illustrated by Chas. Robinson' – Kleines Mädchen vor Getreidesträuchern

Newports Argumentation basiert auf der Triebfeder der Ökonomie: Wenn wir etwas wertvolles als Gegenleistung für unsere Arbeit erwarten, dann müssen wir wertvolle Arbeit anbieten (Angebot und Nachfrage 101). Das Ziel des craftsman-mindset ist die Erarbeitung von einzigartigen, seltenen und schwer reproduzierbaren Fähigkeiten. Wenn unsere Arbeit unersetzlich ist, dann sind wir als Handwerker unentbehrlich und werden entsprechend mit Wertschätzung, Einfluss, Zweck und finanziellen Mitteln entlöhnt.

Doch bevor wir uns blindlings in die Arbeit stürzen – diese Herangehensweise eignet sich nicht ganz für jede Art der Beschäftigung. Newport definiert 3 Ausschlusskriterien für das craftsman-mindset:

  • Wenn du dich in deinem Job nicht durch den Erwerb relevanter Fähigkeiten hervorheben kannst.
  • Wenn sich dein Job auf etwas fokussiert, das nutzlos ist oder der Welt schadet.
  • Wenn du dein Arbeitsumfeld und/oder deine Arbeitskollegen nicht ausstehen kannst.
Bild: 'Lilliput Lyrics ... Edited by R. Brimley Johnson. Illustrated by Chas. Robinson' – Kind mit Angelrute

Newports These steckt den Finger in eine Wunde, die mich ständig juckt und nie ganz verheilen will. Es ist die Frage, ob ich mit meiner Lebenszeit das Richtige anstelle. Lohnt es sich wirklich, für das, was ich tue, Zeit aufzuwenden? Was ist mit all den möglichen Alternativen, die mich ebenfalls interessieren? Worauf soll ich mich konzentrieren? Wie soll ich priorisieren? Und wie kann ich mir dabei sicher sein?

So good they can’t ignore you gibt keine befriedigende Antwort auf diese psychologische Unsicherheit. Doch das Buch eröffnet eine pragmatische Perspektive. Ein Aufruf, aus dem eigenen Versteck hervorzukriechen, die Entschuldigungen zur Seite zu schieben und zu machen.

Und machen – da sind wir uns vermutlich einig – ist schliesslich das, worauf es ankommt.

Bild: 'Lilliput Lyrics ... Edited by R. Brimley Johnson. Illustrated by Chas. Robinson' – Riesiger Mensch, von Kindern umringt; Frau auf Leiter umarmt ihn

Quelle: Newport, Cal (2012): So Good They Cant Ignore You. Why Skills Trump Passion in the Quest for Work You Love. Grand Central Publishing, New York.

Die Illustrationen stammen aus ‚Lilliput Lyrics … Edited by R. Brimley Johnson. Illustrated by Chas. Robinson‘ (Flickr)

Als Vertiefungen zum Thema empfehle ich Anders Ericsson Peak: Secrets from the New Science of Expertise oder den Klassiker Flow: The Psychology of Optimal Experience von Mihaly Csikszentmihalyi.

Zwischen Kriminalroman und Science-Fiction – Deleuzes Anspruch an eine philosophische Methodik

«Ein philosophisches Buch muss einesteils eine ganz besondere Sorte von Kriminalroman sein, anderenteils eine Art science fiction», schreibt Gilles Deleuze (1925-1995) im Vorwort zu seinem unverständlichen aber gleichfalls faszinierenden Werk Differenz und Wiederholung.

Was macht die Philosophie für uns interessant? Weshalb üben die grossen philosophischen DenkerInnen und Gedanken eine solche Faszination auf uns aus?

Unabhängig vom Inhalt gelingt es den entscheidenden Werke der Philosophiegeschichte, scheinbar unzugängliche, abstrakte oder oft mystisch wirkende Themenbereiche durch strukturiertes Denken zu veranschaulichen, zu formulieren und allgemein nachvollziehbar zu machen. In einem Land aus amorphen Gegenständen – etwas metaphorischer gesprochen –, wo die Blätter tagsüber ihre Farbe wechseln und man nicht weiss, wo oben und unten, wo Norden und wo Süden ist, schafft es die Philosophie im dynamischen Wirrwarr einen Kompass zu finden, eine Landkarte zu zeichnen und das Terrain abzustecken. Es sind diese Momente, wo man sich fragt, wie es überhaupt möglich ist, ein solch verstricktes Konstrukt auf der Schädeldecke zu balancieren und in Sprache zu übersetzen, in denen man sich kurz zurücklehnen und einmal durchatmen muss, bevor einem ein unverhofftes «Wow!» über die Lippen rutscht. «Das ist Philosophie.»

Gilles Deleuze hat dieses Gefühl als Anspruch an eine philosophische Methodik in Form eines Zusammenspiels von zwei literarischen Genres formuliert: Ein philosophisches Werk kann, soll, muss gleichzeitig ein wenig Krimi und science fiction sein.

1. Kriminalroman

Zum einen hat ein philosophisches Werk nach Deleuze einen detektivischen Anspruch. Durch Nacherzählung der Philosophiegeschichte mithilfe «eine[r] Art Zeitlupe, Erstarrung oder Stillstand des Textes» aber auch durch Veränderungen von Denkprozessen und Herangehensweisen sollen Geheimnisse gelüftet, Begriffe geklärt und Subtexte freigelegt werden. Der Philosoph übernimmt eine aufklärerische Rolle und bringt für seine Leserschaft Licht ins Dunkle:

«Mit Kriminalroman meinen wir, dass sich die Begriffe mit einem gewis­sen Aktionsradius einschalten müssen, um einen lokalen Sachverhalt zu lösen. Sie verändern sich selbst mit den […]»

2. Science-Fiction

Zum anderen soll die Philosophie aber nicht nur alte Steine umkehren, sondern sich an neue Ausdrucksweisen versuchen, fremdartige Gegenden und Themen erkunden und den status quo herausfordern. Deleuze propagiert eine Reorientierung der Philosophie hin zum Unbekannten und Unbegreiflichen. Damit die Philosophie gegenwärtig bleibt, soll sie immer auch ein wenig Zukunft sein:

«Wie lässt sich anders schreiben als darüber, worüber man nicht oder nur ungenügend Bescheid weiss? Gerade darüber glaubt man unbedingt et­was zu sagen zu haben. Man schreibt nur auf dem vordersten Posten seines eige­nen Wissens, auf jener äußersten Spitze, die unser Wissen von unserem Nichtwis­sen trennt und das eine ins andere übergehen lässt. Nur auf diese Weise wird man zum Schreiben getrieben.»


Quelle: Deleuze, Gilles: Differenz und Wiederholung, 3. Aufl., München: Fink 2007, S. 13-14 (Hervorhebungen im Original)

«Ah, deshalb…» – Über die Wirkung von guten Geschichten

«Weil» ist ein interessantes Wörtchen.

«Weil» steht für eine Kausalität, einen Grund, eine Erklärung. «Weil» verknüpft unterschiedliche Elemente miteinander. «Weil» macht aus Einzelheiten einen grösseres Ganzes. «Weil» erzählt mit Szenen eine Geschichte.

In einer Studie von 1989 stellte die Sozialpsychologin Ellen Langer fest, dass wir eher dazu neigen, einer anderen Person einen Gefallen zu tun, wenn wir dafür einen expliziten Grund erhalten würden. (Vgl. Influence, S. 4) Langer demonstrierte diese Tatsache, indem sie in einer Bibliothek Personen in der Schlange vor dem Kopierer fragte:

(1) «Entschuldigung, ich habe 5 Seiten. Könnte ich den Kopierer benutzen?»

60% der wartenden Personen zeigten sich hilfsbereit und liessen Langer vortreten. Als aber an die Bitte das Wörtchen «weil» gefolgt von einem plausiblen Grund anhängt wurde, steigerte sich ihre Erfolgschance auf überwältigende 94%:

(2) «Entschuldigung, ich habe 5 Seiten. Könnte ich den Kopierer benutzen, weil ich es eilig habe?»

Dieses Resultat scheint auf den ersten Blick nicht überraschend. Jemanden in Eile vorzulassen wirkt ganz natürlich. Für die höhere Erfolgsquote scheint nicht das Wörtchen «weil» verantwortlich, sondern die inhaltliche Ergänzung, dass sie es eilig habe. Die nächste Phase der Studie ist allerdings die wirklich interessante. In einem dritten Versuch wurde der Bitte nämlich ein «weil» hinzugefügt, ohne danach eine neue Information anzufügen:

(3) «Entschuldigung, ich habe 5 Seiten. Könnte ich den Kopierer benutzen, weil ich Kopien machen muss?»

Dass Langer einige Kopien zu machen möchte, ist im geschilderten Kontext offensichtlich. Als Grund für ihre Bitte wiederholte sie lediglich, das was sie bereits gesagt hatte. Und dennoch, erneut liessen sie beinahe 93% der Personen in der Schlange vortreten!

Wenn wir einen Grund angeben, dann kreieren wir einen Narrativ. Wir betten die Ereignisse in eine Geschichte ein, die es dem Zuhörer einfacher macht, sich mit unserer Situation zu identifizieren und davon beeinflussen zu lassen.

Den Effekt eines Narrativs auf die Urteilsfähigkeit des Gegenübers untersuchten die einflussreichen Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahnemann in ihrer umfassenden Studie zu Heuristiken und kognitiven Verzerrungen. Der Conjunction Effect (deutsch: Verknüpfungseffekt) beschreibt die Beobachtung, dass das Auftreten einer Verknüpfung von zwei Ergeinissen (A und B) als wahrscheinlicher eigeschätzt wird als das Auftreten eines einzelnen Ereignisses (entweder A oder B).

Die Regel der Verknüpfung besagt, dass die Wahrscheinlichkeit vom gleichzeitigen Auftreten zweier Ereignisse immer kleiner ist als bei einem einzelnen. Dass z.B. eine Person X rote Haare (A) hat, ist viel wahrscheinlicher, als dass eine Person X rote Haare hat und 1.68 gross ist (A und B). Denn die Aussage «Eine Person X hat rote Haare» trifft auf Menschen aller Körpergrössen zu, die rote Haare besitzen und nicht nur auf Personen, die 1.68 gross sind.

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Dennoch hält uns diese einleuchtende mathematische Tatsache nicht davon ab, diesem Fehler in der Praxis immer wieder zu verfallen. Der Verknüpfungsfehler wird Linda-Problem genannt – benannt nach einem der bekanntesten Experimente in der Sozialpsychologie von Kahnemann und Tversky. Bei der Untersuchung wurde der Testgruppe die Personenbeschreibung einer Frau mit dem Namen Linda vorgelegt. Die Beschreibung lautete wie folgt.

Linda ist 31 Jahre alt, ledig, direkt und sehr intelligent. Sie hat einen Abschluss in Philosophie. Als Studentin beschäftigte sie sich aktiv mit Diskriminierung und sozialer Gerechtigkeit und nahm auch an Anti-Atomenergie-Demonstrationen teil. (frei übersetzt aus dem Englischen)

Die Testpersonen wurden anschliessend gefragt, welche der folgenden zwei Aussagen wahrscheinlicher sei:

(A) Linda ist eine Bankangestellte
(B) Linda ist eine Bankangestellte und ist Teil der feministischen Bewegung.

Eine grosse Mehrheit (ca. 86%) entschied sich für Aussage (B). Die Personenbeschreibung lässt vermuten, dass die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Linda eine Feministin ist, als eher hoch und diejenige, dass sie eine Bankangestellte ist, als eher niedrig einstufen lässt. Jedoch handelt es sich bei Aussage (B) um eine Verknüpfung von zwei Ereignissen. Und wie oben besprochen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Verknüpfung immer kleiner als die Wahrscheinlichkeit, dass eines der zwei Ereignisses einzeln auftritt.

Lass uns davon ausgehen, dass – anhand der Beschreibung – die Wahrscheinlichkeit, dass Linda eine aktive Feministin ist bei 80% und dass sie eine Bankangestellte ist bei 5% liegt. So ist die Wahrscheinlichkeit von Aussage (A) 5%, während die von Aussage (B) (0.05 x 0.8) 4% beträgt. Option (A) schliesst schliesslich nicht aus, dass Linda zudem eine Feministin ist.

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Interessant ist hier festzuhalten, dass eine Testgruppe bestehend aus Psychologie-Studenten, die ein gewisses Vorwissen in Statistik mitbrachten, besser abschnitten und «nur» ca. 50% der Studenten die falsche Antwort auswählten. Allerdings verschwand der Unterschied zwischen den statistisch Naiven und Bewanderten, als die Aussagen (A) und (B) in eine Liste von acht vergleichbaren Aussagen zu Linda eingebettet wurden, die nach der Reihenfolge ihrer Wahrscheinlichkeit geordnet werden sollten.

Wieso machen wir diesen Fehler? Wieso lassen wird uns so einfach täuschen von etwas, dass in abstrahierter Form so einfach und überzeugend wirkt? Tversky und Kahnemann erklärten das Ergebnis damit, dass wir die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses nicht rational-mathematisch, sondern anhand des Grades ihrer Repräsentativität berechnen. Dies nennt sich Repräsentativitätsheuristik: Die Wahrscheinlichkeit der Zugehörigkeit einer bestimmten Person zu einer sozialen Gruppe wird daran gemessen, wie stark die Person dem Stereotypen der Gruppe ähnelt. Die Personenbeschreibung von Linda erinnert uns an die Beschreibung einer «typischen» Feministin. Weil eine Aussage repräsentativer wirkt, je spezifischer sie ist, kann eine Verknüpfung also wahrscheinlicher erscheinen als ihre isolierten Komponenten. (Vgl. N.d.Z., S. 249)

Besonders bei unwahrscheinlichen Ereignissen tendieren wird dazu, detailliertere Szenarien als wahrscheinlicher zu beurteilen. In einer ähnlichen Studie wurde eine Testgruppe gefragt, ob es wahrscheinlicher sei, dass (C) eine Flut in Nordamerika 1’000 Menschen töte oder dass (D) ein Erdbeben in Kalifornien eine Flut auslöse, die 1’000 Menschen töte. Dass sich die Mehrzahl der Befragten für Szenario (D) entschied, sollte uns mittlerweile nicht mehr verwundern. Eine Flutwelle – ausgelöst durch ein Erdbeben – passt in unsere Mustervorstellung einer verheerenden Naturkatastrophe: Wir haben sofort Bilder von eingestürzten Häusern, schreienden Menschen und gefluteten Strassen im Kopf. Szenario (D) wirkt repräsentativer und deshalb wahrscheinlicher.

Was können wir aus diesen Erkenntnissen mitnehmen?

Die Logik der Wahrscheinlichkeit ist nicht kompatibel mit der Logik der Repräsentativität. Unsere Aufmerksamkeit gilt dem Anschaulichen, nicht dem Abstrakten. Emotionen beeinflussen unsere Einschätzung von Wahrscheinlichkeit und Risiko. Oder kurz: Wir sind anfällig für gute Geschichten, auch wenn diese möglicherweise trügerisch sind.

«A good story is often less probable than a less satisfactory one.» (J.u.u., S.98)

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Quellen:

Cialdini, R. B. (2007). Influence: The Psychology of Persuasion. New York: Collins.

Kahneman, D., Slovic, P., & Tversky, A. (1982). Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Cambridge: Cambridge University Press.

Taleb, N. N. (2013). Narren des Zufalls: Die unterschätzte Rolle des Zufalls in unserem Leben: Aus dem Amerik. von Patricia Künzel (5th ed.). München: Btb.

Drei Dinge, die wir von Isaac Newton (1643-1727) lernen können

«Mit Newton kann sich diese Insel brüsten,» schreibt David Hume (1711-1776) in The History of England, «das größte und seltenste Genie hervorgebracht zu haben, das je zur Zierde und Belehrung unserer Gattung auf die Welt gekommen ist.» Was bewegte einen der grössten Denker unserer Geschichte, seinem englischen Zeitgenossen dieses nicht weniger als superlative Lob auszusprechen?

Isaac Newton (1643-1727) wurde als Autor der Philosophiae Naturalis Principia Mathematica (1687) zum Urvater und Vorbild der Naturwissenschaft. In seinem Gravitationsgesetz führte er Keplers Gesetze für die Bewegung der Planeten und Galileis Fallgesetze zusammen. Er begründete die klassische Mechanik und schaffte die Grundlage für eine einheitliche Beschreibung und Erklärung der Bewegung von Körpern auf der Erde, der Bewegung des Mondes um die Erde und der Planeten um die Sonne.

Kein Wunder schwärmt David Hume in seinen Werken immer wieder von Newton. Interessanterweise sind es aber nicht vorrangig die mathematischen und physikalischen Erkenntnisse, die der Philosoph lobt, sondern Newtons Denk- und Arbeitsweise, seine Einstellung und Perspektive als Wissenschaftler. Drei markante Eigenschaften tauchen immer wieder auf, die Hume mit Newtons wissenschaftlichen Erfolgen in Verbindung bringt:

1. Unvoreingenommenheit

Ob wahrscheinlich oder nicht, ob erklärbar oder nicht – die Natur fügt sich nicht unserer Rationalität. Die Natur ist. Alles, was die Wissenschaft tun kann, ist Vermutungen über die Natur aufzustellen und diese zu testen. Ob diese Hypothesen vernünftig klingen, sagt weniger über die Natur aus als über den menschlichen Verstand:

«Er war vorsichtig, insofern er ausschließlich erfahrungswissenschaftlich fundierte Prinzipien gelten ließ, aber beherzt genug, jedes auf diese Weise abgesicherte Prinzip zu übernehmen – einerlei, wie neuartig oder unüblich es sein mochte. So verhielt er sich aus Bescheidenheit, ohne sich seiner Überlegenheit gegenüber den anderen Menschen bewusst zu sein, weshalb er auch nicht sonderlich darauf achtete, seine Gedankengänge den üblichen Auffassungen anzupassen.»

2. Ganzheitlichkeit

Nichts geschieht in Isolation. Jedes Ereignis hat möglicherweise eine Ursache und eine Wirkung. Jede Begebenheit ist vielleicht kein Einzelfall, sondern ein Muster. Newton verlor nie die Verbindung zwischen dem Einzelnen, dem Anderen und Allgemeinen:

«Es ist durchaus den Regeln der Philosophie und sogar der allgemeinen Vernunft angemessen; Wenn in einem Fall festgestellt wurde, dass ein Prinzip eine große Kraft und Energie ausübt, kann man in allen ähnlichen Fällen eine ähnliche Energie vermuten. Dies ist in der Tat Newtons Hauptregel des Philosophierens.»

2. Selbstkritik

Es gibt womöglich keine letzten Ursachen. «Die vollkommenste Philosophie der Natur schiebt nur unsere Unwissenheit ein Wenig weiter zurück, und ebenso dient vielleicht die vollkommenste Metaphysik und Moralphilosophie nur dazu, größere Stücke von unserer Unwissenheit bloß zu legen,» schreibt Hume in Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Auch Newton hatte nicht den Anspruch, das Universum und seine grundlegenden Gesetze zu verstehen. Er war Wissenschaftler. Und Wissenschaft hat seine Grenzen:

«Während Newton den Schleier von einigen Geheimnissen der Natur zu lüften schien, machte er andererseits die Mängel der mechanistischen Theorie deutlich, wodurch er die letzten Rätsel der Natur ebenjener Dunkelheit wieder zuführte, in der sie seit eh und je heimisch sind und auf immer bleiben werden.»

Bild: William Blake's Newton von 1795
William Blake’s Newton von 1795 (Quelle)


Zitate im Original:

„In Newton this island may boast of having produced the greatest and rarest genius that ever arose for the onrament and instruction of the species.“ (The History of England VI, 542)

„Cautious in admitting no principles but such as were founded on experiment; but resolute to adopt every such principle, however new or unusual: From modesty, ignorant of his superiority above the rest of mankind; and thence less careful to accommodate his reasonings to common apprehensions.“ (ibid.)

«It is entirely agreeable to the rules of philosophy, and even of common reason; where any principle has been found to have a great force and energy in one instance, to ascribe to it a like energy in all similar instances. This indeed is newton’s chief rule of philosophizing.» (An Enquiry Concerning the Principles of Morals)

«The most perfect philosophy of the natural kind only staves off our ignorance a little longer: As perhaps the most perfect philosophy of the moral or metaphysical kind serves only to discover larger portions of it.» (Enquiry concerning Human Understanding I. 4. i)

„While Newton seemed to draw off the veil from some of the mysteries of nature, he shewed at the same time the imperfections of the mechanical philosophy; and thereby restored her ultimate secrets to that obscurity, in which they ever did and ever will remain.“ (The History of England VI, 542)