Hörbücher und Podcasts – Ein Liebesbrief an das Medium „Audio“

Mit der Erfindung von Kopfhörern und mobilen Abspielgeräten hat man realisiert, dass über die Ohren nicht nur Musik gehört werden kann. In der Form von Hörbüchern und später Podcasts ist ein völlig neues Medium entstanden.

Nur waren diese zwei Formen der Vermittlung bis vor wenigen Jahren absolut unbrauchbar. Weshalb? Hörbücher waren teuer und umständlich (zu viele CD’s oder Kassetten pro Titel). Podcasts waren unzuverlässig und die Auswahl ernüchternd.

Die Technologie hat diese Probleme gelöst. Günstigere und praktische Lösungen wie Audible ermöglichen heute den Zugang zu über 200’000 Hörbüchern. Apple Podcasts bietet eine Auswahl von über 600’000 aktiven Shows in über 100 Sprachen. Und das mobile Datennetz funktioniert gut genug, um die Episoden ruckelfrei zu streamen oder mit einem Fin­ger­schnip­pen herunterzuladen. Eine völlig neue Welt hat sich uns eröffnet: Audio On-Demand, immer und überall.

Warum bin ich von diesem Medium derart begeistert? Was macht das Gehörte so aussergewöhnlich?

Man ist nicht mehr an das geschriebene Worte gefesselt, man kann sich vom stationären Lesen loslösen. Im Gegensatz zum konzentrierten und aktiven Lesen funktioniert Zuhören auch nebenbei: Beim Pendeln, beim Sport oder beim Gemüse schneiden.

Zuhören braucht – im Vergleich zum Lesen – kaum Anstrengung. Lauschen ist das Natürlichste überhaupt. Der Kanal über das Ohr ist immer offen. Man kann nicht nicht zuhören. Audio transportiert zudem nicht nur einen Inhalt, sondern auch eine Stimme, ein Gefühl, ein Timbre – es trifft und erschüttert einen ganz anderen Bereich unseres Gehirns als das Lesen.1

Ein weiterer Vorteil lässt sich etwas schwieriger in Worte fassen. Es geht um Selbstgespräche. Innere Monologe und Dialoge lenken mich im Alltag: Was ich tun soll, wie ich denken soll, wer ich bin. Setze ich Kopfhörer auf und lasse eine Audiodatei laufen, so werden diese Stimmen überspielt. Überspielt von einer externen Stimme meiner Wahl. Indem ich auswähle, was ich höre, bestimme ich, was ich fühle und denke. Auch wenn ich nicht immer allen Aussagen zustimme, so identifiziere ich mich doch mit dem Gesagten. Das ist der Grund, weshalb ich mich so einfach von Hörbüchern und Podcasts inspirieren lasse. Das Gehörte wird zu einem Teil meiner Selbst.


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PODCASTS

Aus keiner anderen Quelle habe ich in letzter Zeit so viele Ideen geschöpft, verarbeitet und weiterentwickelt. Vielleicht liegt es in der Natur von Podcasts. Ich bin gerne die Fliege an der Wand, wenn zwei Experten miteinander diskutieren. Zuzuhören und ohne mich einmischen oder reagieren zu müssen, neues Wissen aufsaugen. Podcasts ermöglichen zudem eine Intimität, die vor einem Publikum oder in einem Radio nicht gegeben ist. Ausserdem haben Podcasts nicht den Anspruch, den Massen gefallen zu wollen. Podcasts dürfen oder müssen spezifisch sein, sie haben kein vorgegebenes Format oder Länge.

Die Form eines Gesprächs oder einem Interviews erlaubt einem, nicht nur von den Informationen zu profitieren, sondern auch die Kommunikation zwischen den Sprechenden zu studieren. Welche Fragen gestellt werden, welche Formulierungen verwendet werden und wie das Gespräch geleitet wird, ist für mich oft genau so wichtig wie die Inhalte.

Podcasts sind oft zugänglicher und einfacher verständlich als Hörbücher, weil nicht nur ein Schriftstück vorgelesen wird. Podcasts werden in mündlicher Form konzipiert, aufgenommen und verbreitert. Die Informationsdichte und die Komplexität sind geringer, was das Ganze etwas näher an das alltägliche Sprechen und Zuhören bringt.

Hier einige Podcasts, die ich liebe und regelmässig höre:

Design Matters with Debbie Millman
Akimbo: A Podcast from Seth Godin
The Moment with Brian Koppelman
The Tim Ferriss Show
The James Altucher Show
Dan Carlin’s Hardcore History


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HÖRBÜCHER

Seth Godin schreibt in einem Blogpost, dass es drei Arten von Menschen auf der Welt gibt. Solche, die Hörbücher mögen beziehungsweise solche, die sie nicht mögen und eine grosse Mehrheit, die es noch nie versucht hat. Das Image von Hörbüchern war lange Zeit nichts Geringeres als katastrophal. Die Autoren machten nur einen winzigen Gewinn mit Hörbüchern. Die Produktion war kostenintensiv und die Verkaufszahlen unterirdisch.

Völlig zurecht. Niemand wollte seinen begrenzten Regalplatz, das Handschuhfach im Auto oder den Rucksack mit gefühlt hundert CD’s auffüllen, nur um Rufus Becks wunderbaren Version des ersten Bandes von Harry Potter zu hören.

Der digitale Raum hat den Platzmangel beseitigt. Speicherplatz hat keine räumliche Komponente mehr. Der Long Tail kommt ins Spiel. Audible und andere Anbieter, welche als Pioniere in der Branche aufgetreten sind, haben unendlich umfangreiche Kataloge an Titeln. 

Dennoch…

Für viele Bücher ist die Papierversion geeigneter. Über Audio gehen inhaltliche Informationen verloren, weil Literatur nicht einfach 1:1 vom Lesen ins Hören übersetzt werden kann. Viele Werke sind zu kompliziert oder zu einfach, um gehört zu werden. 

Aber darum geht es nicht. Es ist etwas anderes.

Ein paar Schatztruhen, die ich wärmstens empfehlen kann:

– Sam Harris – Lying
Derek Sivers – Anything You Want
Ausgabe Rosamund & Benjamin Zander – The Art of Possibility
Steve Martin – Born Standing Up
Patti Smith – Just Kids
Matthew Walker – Why we sleep
David Graeber – Debt
Carlo Rovelli – The Order of Time

Weshalb nur englische und amerikanische Titel? Weil ich nur dazu etwas erzählen kann. Ich habe kaum etwas Deutsches gehört oder gemocht. Sende mir deine deutschen Empfehlungen an fabio@valsangiacomo.info. Ich würde mich gerne von der deutschen Sprache überzeugen lassen!

Auf jeden Fall wünsche ich viel Spass beim Hören!2

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Animiert von Bill Domonkos mithilfe von Aufnahmen aus den Prelinger Archives und einer Fotografie von The Library of Congress. (Quelle)


Anmerkungen:

1 Es geht nicht um Lesen versus Hören. Audio ist eine Ergänzung, ein anderes Medium, kein Konkurrent. Ich studiere Literaturwissenschaften und glaube deshalb den Wert von Geschriebenem zu kennen. 

2 Vielleicht darf man sich ja bald auf einen Denkbrocken-Podcast freuen? Bis zu diesem Zeitpunkt empfehle ich, sich für meinen monatlichen Newsletter anzumelden, wo ich regelmässig auf interessante Podcasts und Hörbücher verlinke.

Gewohnheitssache

Zitternd sass ich am Steuer. Welches der drei Pedale war schon wieder die Kupplung? Wann genau muss ich auf das Gas drücken? Und was ist, wenn ich – mit beiden Füssen auf Kupplung und Gas – nicht mehr bremsen kann und das Auto in einen Baum fahre? Oder vielleicht rennt ein Kind über die Strasse?

Ich kann mich gut an meine ersten Fahrstunden erinnern: Totale Überforderung. Man steigt zwar «nur» in ein Auto ein, aber gleichzeitig in eine komplett neue Umgebung mit eigenen Regeln, Handgriffen und Verhaltensweisen. Das Lernen funktioniert nicht «step by step», sondern alles aufs Mal.

Und doch setze ich mich heute ins Auto und fahre einfach los. Alles, was mich vor einigen Jahren noch ins Schwitzen gebracht hat, das funktioniert heute ohne nachzudenken. Beim Autofahren muss man zuerst lernen, wie man fährt, bevor man sich darauf konzentrieren kann, wohin man fährt.

Ähnlich ist es beim Schreiben. Seit einer Weile schreibe ich jeden Tag. Ich kümmere mich nicht darum, ob das Geschriebene gut ist, ob es jemandem gefällt oder ob ich es verarbeiten kann. Es geht mir darum, die Hand über das Blatt Papier zu bewegen, mit den Fingern auf die Tasten zu drücken. Mein Ziel ist es, das Schreiben zu einer Gewohnheit zu machen. Indem ich jeden Tag schreibe, hoffe ich, dass ich irgendwann meine Energie nicht mehr dafür aufwenden muss, dass ich schreibe, sondern darauf lenken kann, was ich schreibe.

Wenn die Methode zur Gewohnheit wird, dann ist der Kopf frei für das Ziel, die Richtung, den Inhalt.

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Anmerkungen:

Für eine vertieferte Auseinandersetzung zum Thema «Gewohnheit» empfehle ich Charles Duhiggs sehr lesbares Buch The Power of Habit (auch in Deutsch verfügbar) oder den etwas anspruchsvolleren Artikel Habits, Rituals, and the Evaluative Brain von Ann M. Graybiel aus dem Annual Review of Neuroscience von 2008.

Die Möglichkeit im leeren Raum

Literatur fasziniert nicht durch Worte, sondern durch das, was zwischen den Zeilen geschieht.

Ein Film berührt nicht durch seine Frames, sondern die Übergänge zwischen den Bildern.

Ein grossartiger Koch schmeckt nicht nur was ist, sondern was fehlt.

Ein Schachzug ermöglichen nicht die Figuren, sondern die freien Felder.

Wir kümmern uns oft um das, was ist und nicht um das, was fehlt. Wir sehen die Handlung und nicht die Untätigkeit. Wir spüren das Scheinbare und ignorieren das Unwahrscheinliche.

Aber das grösste Potential liegt im leeren Raum. Wenn wir unser Augenmerk auf das richten, was nicht da ist, eröffnen sich neue Wege. In den Zwischenräumen entsteht Innovation. Das Fehlen führt zu Veränderung. Die Möglichkeit liegt in der Leere.

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Nedre Slottsgate in Oslo, Norwegen, 1882 (Quelle)

Gleiche Information, unterschiedliche Handlung

Fast alle Informationen sind zu fast jeder Zeit fast jeder Person zugänglich. Doch interessanterweise stellen wir mit den Informationen, die wir lesen, hören, fühlen und schmecken ganz unterschiedliche Dinge an.

Ein Beispiel dafür, wie ein Set an Informationen zu komplett unterschiedlichen Handlungen führen kann, ist der Aktienmarkt. Im Internet sind Geschäftsberichte von Unternehmen, Ad-hoc-Mitteilungen, Kursentwicklungen und Prognosen zu Trends in Echtzeit jedem Investor und jedem Trader öffentlich und kostenfrei zugänglich. Es gibt keine Insider-Informationen, an die nur ausgewählte oder besonders begabte Händler herankommen. Es gib keinen Wissensvorsprung bestimmter Individuen gegenüber allen anderen, die am Markt teilnehmen. Alle Entscheidung basieren auf den gleichen transparenten Zahlen und Fakten.1

Wenn also jemand eine Aktie kauft oder verkauft, dann geschieht das aufgrund von Information, die ihn vermuten lassen, dass sich die eine oder andere Handlung in Zukunft auszahlen wird. Wenn Person A eine Aktie kauft, dann hofft sie, dass ihr Anteil mit der Zeit an Wert gewinnen wird. Person B hingegen, die sich für den Verkauf einer Aktie entscheidet, glaubt, dass deren Kurs in Zukunft sinken wird. (Dies unter der Voraussetzung, dass niemand absichtlich Geld verlieren möchte.)

Stellen wir uns nun vor, dass der Kurs der Facebook Aktie unerwartet um 5% einstürzt. An diesem Tag ist es möglich, dass an der Börse in Reaktion auf den Kursabsturz 300’000 Anteile verkauft werden. Aktien können allerdings nicht einfach verkauft werden. Eine Transaktion findet nur dann statt, wenn sich ein Käufer und ein Verkäufer finden. In anderen Worten: Die 300’000 verkauften Aktien werden von jemand anderem gekauft.2

Beide Seiten der Transaktion, die Käufer und Verkäufer der 300’000 Aktien, hatten Zugang zu den gleichen Informationen. Nur führten diese Informationen bei der einen Partei dazu, dass sie glaubten, sie müssen die Facebook Aktien in ihrem Besitz loswerden. Die andere Partei sah im Gegenzug im Kursabsturz die Chance, durch die Preisreduktion richtig viel Geld zu verdienen.

Es gilt zu bemerken, dass auf beiden Seiten des Handels sehr intelligente und clevere Leute stehen. (Natürlich sind auch sehr dumme Leute in beiden Seiten der Transaktion involviert.) Beide Seiten glauben daran, das Richtige zu tun. Sie wissen dasselbe, sie sehen dasselbe. Aber die Informationen werden komplett gegensätzlich interpretiert.

Und so ist es nicht nur an der Börse…


Anmerkungen:

1 Nein das stimmt nicht ganz. Exklusive Informationen gibt es natürlich schon, das nennt sich dann dann Insiderhandel und ist strafbar und – soweit ich das beurteilen kann – nicht wirklich empfehlenswert.

Die Inspiration für diesen Artikel verdanke ich Tim Ferriss‘ interessanten Interview mit Peter Mallouk.

«I want to thank me.»

Am 19. November 2018 ehrte das Hollywood Chamber of Commerce den Rapper Snoop Dogg mit dem 2’651. Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood. In seinem gewohnt lässigen Stil trat die Hip-Hop-Legende für seine Dankesrede ans Mikrofon. Nachdem er alle Formalitäten hinter sich gebracht hatte, bedankte er sich zum Schluss bei derjenigen Person, die am meisten für seinen Erfolg verantwortlich war:

„I want to thank me. I want to thank me for believing in me. I want to thank me for doing all this hard work. I want to thank me for having no days off. I want to thank me for never quitting. I want to thank me for always being a giver, and trying to give more than I receive. I want to thank me for trying to do more right than wrong. I want to thank me for just being me at all times […]“

Ich denke, dass es wichtig ist, sich ab und zu daran zu erinnern, wer wirklich die Verantwortung in unserem Leben trägt. Wer uns dahin gebracht hat, wo wir jetzt sind. Und wer uns auch in Zukunft immer zur Seite stehen wird.

Wir dürfen uns zwischendurch auch einmal selbst Danke sagen. 

Johann Heinrich Tischbein – Narziss, ca. 1770 (Quelle)


Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem monatlichen Newsletter von Denkbrocken. Hier kannst Du dich in die Liste eintragen!

Anton Ego oder Pixars grossartige Hommage an das Künstlerindividuum

Auf der einen Seite der Kunst steht der Künstler. Er ist es, der etwas wagt und sich exponiert. Es ist der Künstler, der etwas Neues ausprobiert. Etwas, für das es keine Anleitung gibt. Etwas, das möglicherweise nicht funktioniert. Es ist der Künstler, der leidet und kämpft. Es ist der Künstler, der die Arbeit macht. Es ist der Künstler, der einen Wert generiert. Es ist der Künstler, der Diskussionen lanciert und die Kultur verändert.

Auf der anderen Seite der Kunst steht die Rezeption: Die Aufnahme und Verarbeitung der Werke. Menschen, die sehen, lesen, hören, schmecken. Menschen, die etwas fühlen oder nicht. Menschen, die sich verändern lassen oder nicht. Menschen, welche die Kunst wertschätzen oder nicht.

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Und dann gibt es noch eine kleine „Splittergruppe“, die sich in einer absonderlichen Position zwischen den beiden Polen befindet: die Kritiker. Kritiker nehmen die Kunst, die an sich neutral in die Welt gesetzt wird und drücken ihr einen Stempel auf. Sie bewerten die Arbeit des Künstlers, ohne ihre eigene Haut auf Spiel zu setzen. Die Kritiker haben den Künstler an der Angel. Sie sind die Torwächter der Gesellschaft und bestimmen, was die Masse erreicht und was nicht. Sie leiten und lenken die Meinungen.

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Nein, das machen sie nicht. Sie haben keine tatsächliche Macht über den Künstler. Sie haben keine wirkliche Gewalt über die Meinungen der Masse. Der Künstler hat die Möglichkeit, die Menschen, die er mit seiner Arbeit verändern möchte, direkt zu erreichen. Und die Konsumenten haben keinen Grund, sich nicht selbst auszusuchen, was sie sehen möchten und was ihnen gefällt. Ignoriert man die Kritiker, so verlieren sie einen Einfluss und seine Bedeutung.

Allerdings möchte jeder Künstler wissen, ob das, was er tut, auch funktioniert. Und er seine Arbeit nicht nur in die Menge wirft, ohne eine Reaktion auszulösen. Es ist aufwändig, sich direkt mit dem Publikum zu verbinden und deren Wünsche und Rückmeldungen herauszukitzeln. Einfacher ist es, nur einer einzigen Person gefallen zu müssen, einer Person mit einer eindeutigen Meinung, einem Ruf, einer Reichweite: Dem Kritiker.

Ebenso ist es für den Konsumenten anspruchsvoller, sich Kunst selbst auszusuchen und eine eigene Meinung zu bilden sowie zu entscheiden, was seiner beschränkten Aufmerksamkeit wert ist, als sich auf eine bewährte und geschulte Meinung zu verlassen: Die Meinung des Kritikers.

Die wohl grossartigste Selbstreflexion zur Rolle des Kritikers in der Popkultur findet sich in Pixars Ratatouille, der Geschichte einer kochenden Ratte im kulinarischen Hotspot der neuen Welt, dem pulsierenden und lebendigen Paris. Die Rede ist – natürlich  – vom berüchtigten Restaurantkritiker Anton Ego.

Entgegen der Erwartungen eines Feinschmeckers, eines Gourmets, die wir mit einem Restaurantkritiker assoziieren, nimmt Anton Egos Beziehung zum Essen beinahe masochistische Züge an, die seinem Spitznamen «The Grim Eater» gerecht werden.

«I don’t like food. I love it. If I don’t love it, I don’t swallow.»

Bereits aus seinem Namen lässt sich Egos Persönlichkeit ablesen. Der Vorname Anton bezeichnet seine Position als Gegenspieler (gr. anti-) aller Gastronomen. Wie sich vermuten lässt, hat seine Kritik keinen konstruktiven Charakter. Seine Ziel ist nicht Empowerment, sondern Qualität. Qualität, die er von seinen hohen Standards abzuleiten glaubt. Zudem impliziert der Anfangsbuchstabe A eine Art vorbestimmte hierarchische Überlegenheit, die durch seinen Nachnamen noch verstärkt wird. Ego steht für seinen überhöhten Selbstwert, seine Vorstellung einer egozentrischen Welt, die nicht nach physikalischen Gesetzen, sondern nach seinen Anordnungen und Meinungen funktioniert. Seine destruktive Einstellung widerspiegelt sich auch in seinem Umfeld und seinem Auftreten:

Als Ego in der Zeitung über das erneute Aufblühen eines Restaurants erfährt, welchem er vor einiger Zeit in seiner schriftlichen Kritik den Untergang prophezeite, ist er höchst verwundert und entsetzt. Denn bisher wurde noch nie sein Urteil gegenüber eines Restaurants in Frage gestellt. Dass seine Meinung keine endgültige sei oder er diese gar zu revidieren habe, steht für Ego ausser Frage.

«That was my last word. The last word.»

Und doch begeistert dieses eine Restaurant mit dem Namen Gusteau’s trotz seiner negativen Kritik die Gäste und schlägt Wellen durch die Gastronomieszene. So ist Ego bereit, dem Restaurant eine zweite Chance zu geben. Nein, eine neue Chance zu geben, passt nicht zu Ego. Vielmehr möchte er seine Meinung mit einem wiederholten Besuch bestätigen.

Am darauffolgenden Abend löst Ego durch sein Auftauchen im Gusteau’s eine grosse Hektik in der Küche aus. Der aufgeregte, junge Küchenchef nimmt die Bestellung des Kritikers entgegen. Ego wünscht sich etwas «Perspektive». Weil der Knabe mit dieser Bitte nicht wirklich viel anfangen kann, kommt ihm Ego etwas entgegen und wird expliziter:

«You provide the food, I’ll provide the perspective.»

Als aber Ego ein wenig später einen Teller aufgetischt bekommt und die erste Gabel – ja, Ratatouille – in seinem Mund landet, geschieht etwas Aussergewöhnliches.

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Der erste Bissen, der Geschmack, das Gefühl, die Kompostion schicken ihn zurück in seine Kindheit. Das Essen weckt in ihm Erinnerungen an seine Mutter. Die für ihn das gleiche Gericht gekocht hat. Das Gericht steht für viel mehr als seine blossen Zutaten. Es ist ein ganzheitliches Erlebnis, ein Ausdruck von Liebe, Zusammensein und Freude. Es demonstriert Ego auf die ehrlichste und direkteste Art und Weise, welche Bedeutung dem Essen zukommt. Und gleichzeitig stellt dieser eine Teller Ratatouille seine gesamte Weltansicht auf den Kopf. Die aromatische Faust ins Gesicht weckt ihn aus seiner Starre auf, schüttelt seine Glieder und seinen Glauben durch und… dies fühlt sich gut an!

Was dann folgt, ist eine der eindrücklichsten und prägendsten Szenen, die ich jemals in einem Film gesehen habe. Eigentlich ist es nicht die Szene, sondern der Text. Der Film endet mit der wunderbar geschrieben Kritik von Anton Ego, die am darauffolgenden Tag in der Zeitung erscheint. Es ist weniger eine geschmackliche Rekapitulation als eine Selbstreflexion über die Rolle des Kritikers im Verhältnis zum Künstler:

«In many ways, the work of a critic is easy. We risk very little yet enjoy a position over those who offer up their work and their selves to our judgment. We thrive on negative criticism, which is fun to write and to read. But the bitter truth we critics must face, is that in the grand scheme of things, the average piece of junk is probably more meaningful than our criticism designating it so. But there are times when a critic truly risks something, and that is in the discovery and defense of the new. The world is often unkind to new talent, new creations, the new needs friends. Last night, I experienced something new, an extraordinary meal from a singularly unexpected source. To say that both the meal and its maker have challenged my preconceptions about fine cooking is a gross understatement. They have rocked me to my core. (…) »

Und damit auch keinesfalls nur ein kleines Staubkorn dieser Goldgrube übersehen oder überlesen wird, hier noch die deutsche Übersetzung:

«Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jenen, die ihr Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten. Am dankbarsten sind negative Kritiken, da sie amüsant zu schreiben und auch zu lesen sind. Aber wir Kritiker müssen uns der bitteren Wahrheit stellen, dass, im Grossen und Ganzen betrachtet, das gewöhnliche Durchschnittsprodukt wohl immer noch bedeutungsvoller ist als unsere Kritik, die es als solches bezeichnet. Doch es gibt auch Zeiten, da ein Kritiker tatsächlich etwas riskiert – wenn es um die Entdeckung und Verteidigung von Neuem geht. Die Welt reagiert oft ungnädig auf neue Talente, neue Kreationen. Das Neue braucht Freunde. Gestern Abend habe ich etwas Neues erlebt, ein ganz aussergewöhnliches Mahl aus einer vollkommen unerwarteten Quelle. Zu sagen, dass sowohl das Mahl als auch sein Schöpfer mein Verständnis von der hohen Kunst des Kochens herausgefordert haben, ist eine gewaltige Untertreibung. Sie haben mich in meinen Grundfesten erschüttert. (…) »

Heute ist es nicht mehr der Fall, dass die Meinung eines einzelnen renommierten Kritikers über den Erfolg oder Misserfolgs eines Künstlers entschiedet. Vielmehr sind wir alle zu Kritikern geworden. Noch nie war es einfacher, auf Amazon seine Meinung zum gelesenen Buch zu teilen oder auf TripAdvisor die Pasta des Italieners mit Sternen zu bewerten. Wir haben allen die Erlaubnis erteilt, alle dazu eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Und diese Einladung haben viele angenommen. Umso wichtiger wird es, sich immer wieder daran zu erinnern, dass hinter dem Werk, das wir bewerten, immer ein Mensch steht. Wir entscheiden mit unserer Kritik, welche Kultur wir prägen möchten. Möchten wir in einer Welt leben, wo das Künstlerindividuum von der öffentlichen Meinung unterstützt und gefördert wird? Oder möchten wir ein Umfeld erschaffen, wo Haters und Trolls dem Künstler den Schlaf rauben? Wir müssen uns bewusst sein, dass wir kritisieren und was unsere Kritik bewirken kann.

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Anmerkungen:

1. Link zur Schlusszene von Ratatouille in Deutsch / Englisch.

2. Die Bilder und das GIF von Anton Ego entstammen dem Film Ratatouille. Alle Rechte gehören der Pixar Animation Studios. Die schematischen Animationen sind Kreationen meinerseits.

3. Zum Weiterdenken:
«The critic, the mimic and the comic all have one thing in common: they’re not doing the work.» – Seth Godin
«A critic is someone who never actually goes to the battle, yet who afterwards comes out shooting the wounded.» – Tyne Daly

Ich/Du/Wir/Ihr

Das Ich, das Du, das Wir und das Ihr können als Regler in einem vernetzten, komplexen System angesehen werden.

Verändere ich einen Wert, so hat dies einen Einfluss auf die anderen Werte innerhalb des Systems.

Verschiebe ich den Wir-Regler, dann färbt das auf den Ihr-Wert ab.

Drehe ich am Du, dann verändert sich das Ich.

Minimiere ich das Ihr, dann wirkt das unweigerlich auf das Du und das Ich ein.

Eine Veränderung im Ich-Wert, zieht Konsequenzen in Bezug auf alle anderen Werte nach sich. 

Mit jedem Eingriff in das System müssen wir uns also bewusst sein, dass wir nicht nur einen, sondern alle Werte beeinflussen.

Die Frage, die sich stellt, ist, wie wir das Wir maximieren, ohne dass das Ihr darunter leiden muss. Wie wir den Du-Wert verbessern, ohne dass der Ich-Wert durch den Boden sinkt. Wie wir das System als Ganzes, d.h. alle Werte zusammen zum Positiven hin verändern?