Rilke über Ironie

„Ironie ist das Körnchen Salz“, so schreibt Goethe (1749 – 1832), „das das Aufgetischte überhaupt erst genießbar macht.“ Der indirekten literarischen Spott sei die Würze des Lebens gegen die Fadheit der Existenz. Nach Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) ist die Ironie allerdings in der Lage, ohne die richtige Dosierung und das Wissen um deren Anwendung, das Essen zu versalzen. Auch sei die Ironie als Mittel, das Leben fassbar zu machen, praktisch, sie ersetze allerdings nicht die Substanz, die Bedeutendes und Ernstes in ihrem Kern ausmacht. Er schreibt in einem seiner Briefe an einen jungen Dichter:

„Lassen Sie sich nicht von (der Ironie) beherrschen, besonders nicht in unschöpferischen Momenten. In schöpferischen versuchen Sie es sich ihrer zu bedienen, als eines Mittels mehr, das Leben zu fassen. Rein gebraucht, ist sie auch rein, und man muss sich ihrer nicht schämen; und fühlen Sie sich ihr vertraut, fürchten Sie die wachsende Vertraulichkeit mit ihr, dann wenden Sie sich an grosse und ernste Gegenstände, vor denen sie klein und hilflos wird. Suchen Sie die Tiefe der Dinge: dort steigt Ironie nie hinab, – und wenn Sie so an den Rand des Grossen führen, erproben Sie gleichzeitig, ob diese Auffassungsart einer Notwendigkeit Ihres Wesens entspringt. Denn unter dem Einfluss ernster Dinge wird sie entweder von Ihnen abfallen (wenn sie etwas Zufälliges ist), oder aber sie wird (so sie wirklich eingeboren Ihnen zugehört) erstarken zu einem ernsten Werkzeug und sich einordnen in der Reihe der Mittel, mit denen Sie Ihre Kunst werden bilden müssen.“

Bedeutendes, Grosses entspringt immer einer ironiefreien Tiefe. Die Ironie ist ein Werkzeug, das unserer Persönlichkeit entspricht und sogar Teil unserer Ausdrucksart sein kann. Es ist aber auch möglich, dass Ironie uns selbst komplett zuwider ist. Als Methode dies herauszufinden, empfiehlt Rilke, sich auf den Kern der wirklich wichtigen Themen zu konzentrieren und zu erproben, ob Ironie für deren Verständnis und Kommunikation unentbehrlich ist. Wage dich an das Grosse und stärke deine Ironie. Oder entsorge sie.