Nova Atlantis – Francis Bacon und seine poetische Utopie einer Wissensgesellschaft

«Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.» – Albert Einstein

«Im Konjunktiv denken», antwortet der deutsche Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge auf die Frage, was man tun solle, um Veränderung herbeizuführen. «Im Licht der Geschichte und der Zukunft nach Optionen, Möglichkeiten suchen. (…) Etwas lauert an den Rändern des Wahrscheinlichen.»

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Francis Bacon (1561 – 1626) gelang es, über die Grenzen des Gegenwärtigen hinauszudenken und im Konjunktiv die Zukunft zu formen: In einer Zeit, in der ihm wortwörtlich wenig Licht und Klarheit zur Verfügung standen, ebnete er den Weg für die moderne empirische Wissenschaft.

Der englische Philosoph stellte die bisherigen wissenschaftlichen Forschungsmethoden in Frage und bot eine schlüssige und erfrischende Alternative. Die rationalistischen Anstrengungen, das Wesen von Dingen durch deduktive Schlüsse ermitteln zu wollen, sollte durch ein induktives Experimentieren und Forschen ersetzt werden. Bis im Barock galt die Auffassung, dass alle möglichen Erkenntnisse in den Bibel-Schriften oder den Texten Aristoteles verborgen lagen. Die Aufgabe der Wissenschaft war also die richtige Interpretation des religiösen und philosophischen Kanons. Bacon war allerdings der Meinung, die Wissenschaft solle neue Erkenntnisse hervorbringen, Fortschritt erzielen, Entdeckungen und Erfindungen machen.

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Nicht Altes umgraben, sondern in neues Terrain vordringen – dafür steht stellvertretend Bacons Kurzschrift Nova Atlantis, die 1627 ein Jahr nach seinem Tod veröffentlicht wurde. Sie skizziert die Entdeckung einer Insel, einer fremden und fortschrittlichen Kultur, die auf einer empirisch-wissenschaftlichen Verfassung basiert:

«Der Zweck unserer Gründung ist es, die Ursachen und Bewegungen sowie die verborgenen Kräfte in der Natur zu ergründen und die Grenzen der menschlichen Macht soweit wie möglich zu erweitern.»

Der Kern dieser Gesellschaft, das «Haus Salomons» repräsentiert eine interdisziplinäre Forschungsstation und gleichzeitig ein apolitisches Regierungsgebäude. Federführend sind nicht Politiker oder Parteien, sondern Wissenschaftler: Astrologen, Biologen, Physiker, Chemiker, Architekten, Ingenieure, Ökonome, Psychologen und Philosophen. Das Experiment – die systematische Befragung der Natur – ist das Werkzeug der Erkenntnisgewinnung, mit dem gemeinsamen Ziel, das Leben der Menschen zu vereinfachen.

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Anschliessend folgt eine für seine Zeit unglaublich visionäre und gleichzeitig fantastisch poetische Beschreibung der Struktur und des Zusammenlebens dieser «Wissensgesellschaft». Bacon beschreibt einen bunten Korpus an Gerätschaften, Gebäuden, Werkzeugen und Prozessen, die nur so vor Innovationsgeist, Experimentierfreude Fantasie strotzen. Ein kleine, aber feine Auflistung meiner Lieblinge:

«Wir haben hohe Türme. Der höchste ist etwa eine halbe Meile hoch. Einige stehen auf hohen Bergen, so daß sie, wenn man Berg- und Turmhöhe zusammenrechnet, eine Höhe von mindestens drei Meilen erreichen. (…) Wir benutzen die Türme je nach Höhe und Lage zur Bestrahlung, Abkühlung und Konservierung sowie zur Beobachtung verschiedener meteorologischer Erscheinungen, wie Wind, Regen, Schnee, Hagel und auch einiger feuriger Meteore. Auf diesen Türmen befinden sich zum Teil Wohnungen für Einsiedler, die wir hin und wieder besuchen, um sie zu instruieren, was zu beobachten ist.»

«Auf künstliche Weise bewirken wir in denselben Gärten, daß Bäume und Pflanzen vor oder nach der Zeit blühen, daß sie schneller wachsen und mehr Früchte tragen, als es ihrer Natur entspricht. Wir machen sie auf künstlichem Wege auch um vieles größer, als sie von Natur aus sind. Ihre Früchte lassen wir auf demselben Wege größer und süßer werden und einen von ihrer Natur verschiedenen Geschmack und Geruch, eine von ihrer Natur verschiedene Farbe und Form annehmen.»

«Wir erproben auch an [den Tieren] alle Gifte und andere innerlich und äußerlich wirkende Heilmittel, um den menschlichen Körper widerstandsfähiger zu machen.»

«[Wir bemühen uns,] Getränke aus feinsten Substanzen herzustellen, die möglichst leicht – ohne zu beißen, zu kratzen oder zu ätzen – vom Körper aufgenommen werden. Wenn man derartige Getränke auf die Oberfläche der Hand gießt, dringen sie in kurzer Zeit in die Hand ein.»

«Wir haben auch Öfen von großer Verschiedenheit, die eine sehr unterschiedliche Wärme erzeugen: heftige und schnelle, starke und konstante, mäßige und milde, hochgetriebene, ruhige, trokkene und feuchte.»

«Wir haben auch Häuser des Lichts, wo wir über alle Licht- und Strahlungserscheinungen sowie über alle Farben Versuche anstellen. Wir sind imstande, euch vermittels farbloser und durchscheinender Dinge alle verschiedenen Farben sichtbar zu machen, und zwar nicht bei den Edelsteinen und Prismen in Form eines Regenbogens, sondern jede Farbe gesondert für sich.»

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«Wir haben Geräte gebaut, um weit entfernte Objekte zu erkennen, sei es, daß sie sich am Himmel oder an entfernten Orten befinden. Ferner können wir nahe Objekte weit entfernt, und umgekehrt, entfernte nah erscheinen lassen, indem wir die Entfernungen vortäuschen.»

«Wir stellen Kriegsgeschosse und Kriegsmaschinen aller Art her, neue Pulvermischungen, griechisches Feuer, das auf dem Wasser brennt und unauslöschbar ist, Feuerwerk verschiedenster Art, das sowohl zum Vergnügen als auch zu nützlicher Verwendung dient.»

Neben der Sogwirkung dieser Innovations-Kulur, welche die Bewohner auf «Neu-Atlantis» zum Experimentieren anspornt, werden gleichzeitig auch die Ergebnisse der Forschung und die Anstrengung deren Urheber zelebriert und gewürdigt:

«Wir haben zwei lange, schöne Galerien. In der einen stellen wir Musterstücke aller seltenen und hervorragenden Erfindungen und in der anderen die Statuen berühmter Erfinder auf.»

«Jedem, der eine wertvolle Erfindung macht, errichten wir eine Statue und geben ihm eine großzügige, ehrenvolle Belohnung.»

Bacons Nova Atlantis macht für mich fassbar, wofür Wissenschaft stehen könnte und sollte: neugierig sein, Fragen stellen, neues über die Welt herausfinden wollen, lustvoll forschen und spielerisch entdecken. Mit dem übergreifenden Ziel, Brücken zwischen Parallelwelten zu bauen. Als Wissensgesellschaft zusammenarbeiten. Sich interdisziplinär austauschen. Vom Wissen anderer profitieren. Und nach und nach unser aller Leben verbessern.

 

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Illustrationen aus: Un autre monde : transformations, visions, incarnations … et autres chosesGrandville, J. J., 1844 (Quelle)