«Beschreibe die Zunge des Spechts»

Geschriebenes

Weshalb sollte man das tun? Was ist der Nutzen davon? Und überhaupt – wie zur Hölle sollte man dabei vorgehen?

Aber da steht es. In einem Notizbuch von Leonardo da Vinci (1452 – 1519). Und die Beschreibung der Spechtzunge ist bei weitem nicht das einzige, das einen stutzen lässt. Es finden sich Seiten über Seiten, Bücher über Bücher voller seltsamer Beobachtungen, skurriler Fragen, absurder To-Do-Listen und eigenartiger Notizen. Neben der scheinbar banalen Frage, weshalb Fische im Wasser wendiger seien als Vögel in der Luft, obwohl Wasser eine höhere Dichte besitze, steht die Aufgabe, eine Schweinelunge aufzublasen und zu beobachten, ob sie nur in der Breite oder auch in der Länge an Grösse zunehme.

Ob da Vinci tatsächlich jemals die Zunge eines Spechts unter die Lupe hielt, ob er jemals eine zufriedenstellende Antwort auf das Luft-Wasser Problem fand oder ob er jemals dazu kam, sich beim Metzger eine Schweinelunge zu besorgen, wissen wir nicht. Das scheint aber auch nicht wichtig zu sein. Denn die Schriftstücke eines der geschicktesten und breit gefächertsten Menschen unserer Geschichte spiegeln vor allem eines wider: eine unverfälschte, leidenschaftliche, unstillbare und echte Neugierde.

«Ich habe keine besondere Begabung», hat Einstein denkwürdigerweise gesagt. «Ich bin nur leidenschaftlich neugierig.» Doch die Konsequenzen dieser Neugierde – sowohl bei Einstein als auch bei da Vinci – sind, wie man so schön sagt, Geschichte.

PS: «Die Zunge des Spechts kann mehr als die dreifache Länge seines Schnabels haben», löst Walter Isaacson in seiner Biographie zu Leonardo da Vinci auf. «Wenn sie nicht gebraucht wird, zieht sie sich in den Schädel zurück und ihre knorpelartige Struktur geht entlang dem Kiefer und wickelt sich stützend um den Schädel des Vogels. Die lange Zunge dient nicht nur dazu, Maden aus einem Baumstamm zu graben, sondern sie schützt auch das Gehirn des Spechts. Wenn der Vogel seinen Schnabel wiederholt in die Baumrinde schlägt, ist die auf seinen Kopf ausgeübte Kraft zehnmal höher als diejenige, die einen erwachsenen Mensch töten würde. Die aussergewöhnliche Stützstruktur der Zunge fungieren als Dämpfer und absorbieren den Schock der Schläge.» Nein, wissen muss man das nicht. Aber faszinierend ist es auf jeden Fall.


Bild: Great spotted woodpecker in tree with red ivy (1925 – 1936) von Ohara Koson (1877-1945). Original aus dem Rijksmuseum. (Quelle)

Literatur: Leonardo Da Vinci 2018 von Walter Isaacson https://amzn.to/31vQmsJ Original in Englisch. Übersetzungsvorschlag von mir.