«AUTSCH!» – über Schmerzen und Wittgenstein

Geschriebenes

Was unterscheidet den Ausdruck «Autsch!» oder den Satz «Ich habe Schmerzen!» vom Bellen des Hundes, dem auf den Schwanz getreten wurde? Nicht viel. Zumindest wenn es nach Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) geht.

Ob wir uns die Backe halten, nachdem der Weisheitszahn gezogen wurde, wir hüpfend umherspringen, nachdem wir den kleinen Zeh am Bettpfosten angeschlagen haben, oder das Gesicht verziehen, wenn die Kreide an der Wandtafel quietscht oder wir beim Doktor die Symptome unserer Migräne beschreiben, beruht – so argumentiert Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen – in jedem Fall auf dem gleichen Prinzip: der Konvention.

Wenn wir einem Kind das Wort «Schmerz» beibringen, dann ist das laut Wittgenstein nur ein Ersatz für alternative spontane Ausdrucksformen des Schmerzes wie Schreien, Weinen, Strampeln oder Zucken. Es beschreibt aber nicht, was das Kind als «Schmerz» tatsächlich empfindet. Es kann nicht beschreiben, was für das Individuum damit gemeint ist.

Das bedeutet nicht, dass es keine Schmerzen gibt. Keinesfalls! Nur lässt sich die individuelle Wahrnehmung des Begriffs „Schmerz” im intersubjektiven Sprachspiel, in welchem es verwendet wird, unmöglich fassen.

Denn anders als die tradierte Auffassung – wie sie u.a. Descartes und Locke teilten – kann das Wort «Schmerz» oder alle anderen Ausdrücke, die private Empfindungen beschreiben, nicht durch eine Repräsentation eines Dings in der Welt entstehen. Eine «Privatsprache», bei der nur der Sprecher selbst über die Bedeutung der Worte wissen kann, ist nach Wittgenstein nicht möglich. Die Regel für den Gebrauch eines Wortes muss öffentlich sein, damit sie in einer Sprachgesellschaft verwendet wird. Die subjektiven Schmerzempfindungen haben nichts mit dem Wort «Schmerz» zu tun. «Schmerz» folgt nicht einem privaten, sondern einem öffentlichen Regelsystem, welches wir im Austausch mit unseren Mitmenschen erlernt haben. Wenn wir folglich «Schmerz» verwenden, identifizieren wir unsere Empfindungen nicht nach einem Set an allgemeingültigen Kriterien, sondern wir brauchen lediglich den gleichen Ausdruck.

Aber was ist nun «Schmerz» wirklich? Das scheint eine sinnlose Frage zu sein, wenn das Ziel eine objektive Definition sein soll. Was man aber daraus mitnehmen kann, ist, dass «Schmerz» für mich sehr wahrscheinlich etwas anderes ist als für dich. Und das ist doch schon eine Erkenntnis wert, oder?


Anmerkung:
Als Analogie für Wittgensteins Privatsprachenargument wird immer wieder folgendes Gedankenexperiment des «Käfers in der Schachtel» zitiert (PU §293):

«Angenommen, es hätte jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir „Käfer“ nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Anderen schauen, und jeder sagt, er wisse nur vom Anblick seines Käfers, was ein Käfer ist. — Da könnte es ja sein, dass jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte. Ja, man könnte sich vorstellen, dass sich ein solches Ding fortwährend verändert. — Aber wenn nun das Wort „Käfer“ im Sprachgebrauch dieser Leute doch etwas bedeutete? — So würde er nicht als Bezeichnung eines Dings gebraucht. Das Ding in der Schachtel gehört überhaupt nicht zum Sprachspiel, auch nicht einmal als ein Etwas, denn die Schachtel könnte auch leer sein. (…) Es hebt sich [aus der Betrachtung] weg, was immer es ist.»

Die individuellen Empfindungen stehen durch das Medium Sprache in einer Beziehung mit der Öffentlichkeit, die begrifflich (logisch) und nicht empirisch ist.

Bild:
Muscles of the back: partial dissection of a seated woman, showing the bones and muscles of the back and shoulder. Colour mezzotint by J. F. Gautier d’Agoty, 1745/1746. Credit: Wellcome Collection (CC BY).

Literatur:
Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. 2003.