Robert Walser und das stirnrunzelnde Gesetz | Literaturbrocken #12

Geschriebenes

Heute Morgen wollte ich liegenbleiben. Aus ein bisschen wurde schnell etwas mehr als ich sollte. Und als ich aufstand, war es weniger spät, als ich befürchtet hatte. Im Durcheinander zwischen Sollen, Wollen und tatsächlichem Tun habe ich im Protagonisten von Roberts Walsers Jakob von Gunten (1909) ein Sprachrohr gefunden, der dieses reizvolle Spiel mit dem Wecker in Worte zu fassen vermag:

Vielleicht irrt er sich auch gar nicht, wenn er annimmt, daß ich nicht gern früh aufstehe. Ja doch, ich stehe schon ganz gern vom Bett auf, aber wiederum finde ich es geradezu köstlich, ein wenig länger liegen zu bleiben, als ich soll. Etwas nicht tun sollen, das ist manchmal so reizend, daß man nicht anders kann, als es doch zu tun. Deshalb liebe ich ja so von Grund aus jede Art Zwang, weil er einem erlaubt, sich auf Gesetzwidrigkeiten zu freuen. Wenn kein Gebot, kein Soll herrschte in der Welt, ich würde sterben, verhungern, verkrüppeln vor Langeweile. Mich soll man nur antreiben, zwingen, bevormunden. Ist mir durchaus lieb. Zuletzt entscheide doch ich, ich allein. Ich reize das stirnrunzelnde Gesetz immer ein wenig zum Zorn, nachher bin ich bemüht, es zu besänftigen. (S. 28)

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Literatur: Walser, Robert: Jakob von Gunten. Ein Tagebuch. Sämtliche Werke in Einzelausgaben. Herausgegeben von Jochen Greven. Elfter Band. Zürich und Frankfurt am Main 2017.
Bild: “The nightmare” aus Un-Natural History Not Taught In Bored Schools, etc (1883) publiziert von Simpkin, Marshall & Co – Quelle.