Uexkülls Appell an die Vorstellungskraft | Literaturbrocken #14

Geschriebenes

Manchmal streift man ziellos umher und stolpert unverhofft über die Schwelle zum Raum, den man die ganze Zeit gesucht hat. Ein solcher Eingang findet sich auch im Werk des estnischen Ethologen Jakob von Uexküll, der um die Jahrhundertwende für die Einführung des biologische Konzeptes der “Umwelt” als eine subjektive Erfahrungsblase bekannt wurde. Im Vorwort zum Buch mit dem poetischen Titel Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen: Ein Bilderbuch unsichtbarer Welten von 1956 steht eine Bemerkung, die als impliziter Leitspruch in jedes Stück Literatur eingeschrieben ist (oder sein sollte)

Vorliegendes Büchlein erhebt nicht den Anspruch, als Leitfaden in eine neue Wissenschaft zu dienen. Es enthält eher das, was man die Beschreibung eines Spazierganges in unbekannte Welten nennen könnte. Diese Welten sind nicht bloß unbekannt, sondern auch unsichtbar […]. Diese jeden Kenner jener Welten sonderbar anmutende Behauptung wird dadurch verständlich, daß der Zugang zu den Welten sich nicht jedem erschließt, ja daß gewisse Überzeugungen geeignet sind, das Tor, welches den Eingang zu ihnen bildet, so fest zu verrammeln, daß nicht ein Lichtstrahl von all dem Glanz, der über die Welten gebreitet liegt, hervordringen kann. (Vorwort, S. 21)

Literatur – so ließe sich diese Passage lesen – verlangt viel und bietet wenig. Orientiert man sich jedoch an den vorhandenen Anhaltspunkten, trotzt der Empirie mit Fantasie und lässt sich auf die fremdartige Erfahrung ein, ja dann (und vielleicht nur dann) erhascht man einen Blick auf eine unsichtbare Welt. Und dass einen dieser Spaziergang verändert zurücklässt, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

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Literatur: Uexküll, Jakob von & Kriszat, Georg: Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen: Ein Bilderbuch unsichtbarer Welten. Mit einem Vorwort von Adolf Portmann. Hamburg 1956.

Bild: Ausschnitt aus A floral fantasy of animals and birds (Waq–waq) in the early 1600sQuelle.