Keine Interpretation nötig

Geschriebenes

«Was soll diese nackte Frau im Zentrum des Bildes darstellen?», haben sich die Zeitgenossen des französischen Malers Gustave Courbet (1819-1877) gefragt. «Handelt es sich um die Muse der Wahrheit? Oder ist sie gar Venus selbst? Was versinnbildlicht sie?»

Die Interpretation von Kunst gleicht der Schatzsuche nach einer vergrabenen Aussage, einem doppelten Boden, einer geheimen Symbolik – nach etwas, das dem Auge und Verstand nicht unmittelbar zugänglich ist. Man hat das Gefühl, es muss mehr da sein als das, was man auf den ersten Blick sieht. Das ist es schliesslich, was Kunst ausmacht, oder?

Ja und Nein. Ja, weil deshalb Kunst dadurch Diskussionen ermöglicht. Und nein, weil damit oft (unverhofft) zu weit gegriffen und Verbindungen gemacht werden, die so gar nicht unbedingt beabsichtigt waren.

So auch bei Courbets realistischem Werk L’Atelier du peintre von 1855. Eigentlich habe das Gemälde gar keinen Titel bzw. keinen nötig, wie der Künstler erklärt. Es ist eine «Allégorie Réelle», die geistige und sinnliche Geschichte seines Ateliers in Paris. Das Gemälde ist eine Abbildung des Alltags des Künstler, seines Schaffens und seiner sozialen Stellung in der Gesellschaft. L’Atelier du peintre ist die Darstellung der Wirklichkeit. Entsprechend repräsentiert das, was man sieht, auch das, was es ist.

«Ich sehe in meinem Gemälde keine Muse der Wahrheit und auch keine Venus», antwortete Courbet den Spekulanten und Kunstkennern. «Die nackte Frau im Zentrum des Bildes ist eine Allegorie dessen, was sie darstellt: ein Aktmodell, wie es oft in meinem Atelier zu sein pflegte. Keine Interpretation nötig.»


Werk: Gustave Courbet: Das Atelier des Künstlers, 1855, Öl auf Leinwand 361×598cm, Musée d’Orsay (Quelle)

Die Fragen der Zeitgenossen und die Antwort Courbets sind sinngemäss (und nicht wörtlich) zitiert. Aus: Winner, Matthias: Gemalte Kunsttheorie. Zu Gustave Courbets ‘Allégorie Réelle’ Und Der Tradition. Jahrbuch Der Berliner Museen, 1962 (4), S. 151–185.