Fraktale Dramaturgie

Geschriebenes

Exposition, Steigerung, Höhepunkt, retardierendes Moment, Katastrophe.

Die Komposition einer Fiktion macht aus dem Text ein Erlebnis. Die Dramaturgie ist dafür verantwortlich, dass der Leser zum Beteiligten wird. Sie fesselt ihn, gewährt ihm Einblick in eine andere Welt oder Perspektive, übergibt Verantwortung, bringt ihn zum Zittern und Hoffen und lässt ihn schliesslich verändert zurück.

Das klassische 5-Akt-Schema, der vereinfachte 3-Akter oder auch die Heldenreise sind archetypische Modelle beliebter Dramturgieformen. Sie beschreiben auf theoretischer Ebene die Gesamtkomposition eines Werks mit Bezug auf die Erfahrung des Rezipienten.

Allerdings nimmt der Leser die Gesamtstruktur eines Werks erst rückblickend aus der Vogelperspektive wahr. Während des Lesens sieht man jeweils nur eine Seite, eine Situation, eine Handlung. Lesen funktioniert nun mal nicht ganzheitlich, sondern inkrementell.

Wie kann es dann sein, dass Ken Folletts gewaltige Trilogie aus Die Säulen der Erde, Die Tore der Welt und Das Fundament der Ewigkeit mit insgesamt 3600 Seiten zu den erfolgreichsten Buchreihen überhaupt zählt?

Wenn eine Exposition – wie in Folletts Büchern – hunderte von Seiten dauern kann, dann ist es unmöglich, dass allein die Dramaturgie des Gesamtwerks den Leser weiterblättern lässt. Denn wenn nur die Gesamtkomposition das Lesen zu einem Erlebnis machen würde, dann würde man Folletts Bücher nach einigen Seiten aus Langeweile wieder zuklappen.

Es muss also in einem kleineren Rahmen etwas geschehen, damit der Leser dranbleibt. Es braucht Dramaturgie, nicht nur auf der Makro-, sondern auch auf der Mikroebene. Es braucht Dramaturgie innerhalb der Dramaturgie.

Auf dieser Mikroebene gestaltet Ken Follett die Dramaturgie seiner Bücher, wie er in einem Interview mit James Altucher preisgibt. Er überlegt sich für jede einzelne Seite, was sie braucht, damit der Leser ein bisschen mehr wissen will und ein bisschen weiterliest. Dafür braucht es eine fraktale Dramaturgie:

«Manchmal denke ich, Fiktion ist fraktal. Egal, ob man sie im großen Maßstab oder im kleinen Maßstab betrachtet, sie hat immer die gleiche Form. Natürlich hat das Buch einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, aber jedes Kapitel sollte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Und in innerhalb dieses Kapitels sollte jede einzelne Szene einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben.» – Ken Follett

Bild: man's head made up of writhing male figures

Quelle:
The James Altucher Show: Ep. 256 – Ken Follett: I Want to Write a Bestseller, 21. September 2017, Min. 62

Zitat im Original:
«Sometimes I think fiction is fractal in that whether you look at it in the large scale or the small scale it’s always the same shape. Of course, the book has a beginning, a middle and an end but each chapter should have a beginning, a middle and an end. And within that chapter, each scene should have a beginning, a middle and an end.»

Bild:
Testa anatomica; man’s head made up of writhing male figures. Credit: Wellcome Collection. (CC BY)