Bist Du authentisch?

Geschriebenes

Stell Dir folgende Szene vor:

Du bist auf einer Bühne. Vor Dir steht ein Mikrofon. Im Publikum sitzen Deine Familie und Freunde. Vielleicht sind es auch fremde Gesichter, die Dich anschauen – wie Du Dich wohler fühlst. Du räusperst Dich und fängst an zu reden. Ohne Vorbereitung. Ohne Skript. Ohne Struktur. Du sprichst einfach alles aus, was Dir gerade durch den Kopf geht. Du bist einfach Du selbst. 90 Minuten lang.

Nach der Vorstellung unterhalten sich die Besucher*innen im Foyer über Deine Performance: «Das waren die authentischsten 90 Minuten meines Lebens!» «Ich habe noch nie etwas Echteres gesehen!» «Grossartig, diese Menschlichkeit!» «Ich habe das Gefühl, ich kenne sie*/ihn besser als mich selbst.»

Nein, das ist so nicht geschehen. Am Ende des Auftritts ist der Saal fast leer. Einige sind auf ihren Stühlen eingeschlafen und haben nicht mitbekommen, dass ihre Begleitung bereits gegangen ist. Jemand spielt Candy Crush auf seinem Smartphone.

Du bist enttäuscht. Das war doch authentisch, oder? Ja, total. Aber langweilig.

Wenn wir etwas als «authentisch» bezeichnen, hat das in der Regel weder mit Natürlichkeit noch mit Unverfälschtheit zu tun. Mit «authentisch» meinen wir normalerweise nicht den Standard, sondern das Design – die gestalteten Mittel zu einem spezifischen Zweck

Eine bessere Einstiegsfrage wäre also gewesen: Handelst Du bewusst, überlegt und konsistent?


Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem monatlichen Newsletter von Denkbrocken. Hier kannst Du dich in die Liste eintragen:

Bild: The Coiffure illustration by Mary Cassatt (1844-1926). Original from Library of Congress. (Via Rawpixel)