Handke und das Ereignis der Sprache | Literaturbrocken #9

Geschriebenes

«Dadurch, daß wir nur sprechen und dadurch, daß wir von nichts Erfundenem sprechen» äußerr eine von vier Stimmen in Peter Handkes Publikumsbeschimpfung, «können wir nicht zweideutig und vieldeutig sein.» Im 1966 uraufgeführten Stück experimentiert Handke mit der Sprache, wie wir sie kennen auf eine Weise, die wir nicht gewohnt sind. Im Sprachraum der Publikumsbeschimpfung gäbe es keine Zeichen, keine Signifikate, keine Deutungsebenen. Alles was gesprochen werde, sei genau das und nichts anderes.

Was passiert aber, wenn nur gesprochen wird? Und können wir mit dem bloßem Sprachmaterial – losgelöst von Denk- und Interpretationsmustern – überhaupt etwas anfangen? Probieren wir es aus:

Sie denken nichts. Sie denken an nichts. Sie denken mit. Sie denken nicht mit. Sie sind unbefangen. Ihre Gedanken sind frei. Indem wir das sagen, schleichen wir uns in ihre Gedanken. Sie haben Hintergedanken. Indem wir das sagen, schleichen wir uns in ihre Hintergedanken. Sie denken mit. Sie hören. Sie vollziehen nach. Sie vollziehen nicht nach. Sie denken nicht. Ihre Gedanken sind nicht frei. Sie sind befangen. (S. 16)

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Literatur: Handke, Peter: Publikumsbeschimpfung und andere Sprechstücke. Frankfurt am Main 2017.

Bild: Holzschnitt aus Yatsuo no tsubaki (1860-1869) von Taguchi Tomoki – Quelle.