Leonce und das gähnende Leben | Literaturbrocken #4

Geschriebenes

Wie man es dreht und wendet. Wie man es auch «framet», formuliert oder aus welcher Perspektive man es auch immer betrachten mag. Egal wie man sich beschäftigt oder unterhält – manchmal ist das Leben einfach langweilig. Man muss kein notorischer Nichtstuer sein und Langweile muss nicht wie beim Adelsgeschlecht in Büchners Leonce und Lena (1892*) pathologische Züge annehmen, um manchmal einen müden Mund vom Gähnen zu haben und nichts anderes zu wollen, als Laut in Leonces Elegie der Langeweile mit einzustimmen:

«Mein Leben gähnt mich an, wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an. Ich stülpe mich jeden Tag vier und zwanzigmal herum, wie einen Handschuh. O ich kenne mich, ich weiß was ich in einer Viertelstunde, was ich in acht Tagen, was ich in einem Jahre denken und träumen werde.» (S. 16)

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Literatur: Büchner, Georg: Leonce und Lena. Stuttgart 2016. (= RUB 18248). 1836 geschrieben, 1892 uraufgeführt.
Bild: Te arii vahine – opoi (Frau mit Mangos – Müde) Holzschnitt von Paul Gauguin, ca. 1898–1899. (Quelle)