Hypothesen, Sterne und Weltbilder | Literaturbrocken #5

Geschriebenes

Was kann antike Gebäude ins Wanken bringen, Geschichten umschreiben und die Welt auf den Kopf stellen? Manchmal – so illustriert es das Leben des Galilei von Bertolt Brecht – ein einzelner Mann mit einem Fernrohr und einer Hypothese:

ANDREA: Was ist eine Hypothese?
GALILEI: Das ist, wen man etwas als wahrscheinlich an­nimmt, aber keine Fakten hat. Daß die Felice dort unten, vor dem Korbmacherladen, die ihr Kind an der Brust hat, dem Kind Milch gibt und nicht etwa Milch von ihm emp­fängt, das ist so lange eine Hypothese, als man nicht hin­gehen und es sehen und beweisen kann. Den Gestirnen gegenüber sind wir wie Würmer mit trüben Augen, die nur ganz wenig sehen. Die alten Lehren, die tausend Jahre geglaubt wurden, sind ganz baufällig; an diesen riesigen Gebäuden ist weniger Holz als an den Stützen, die sie halten sollen. Viele Gesetze, die weniges erklären, während die neue Hypothese wenige Gesetze hat, die vieles erklären. (S.21)

Wenn allerdings Gebäude einstürzen, Geschichten zerbröseln und die Füsse ihren Halt verlieren, kann kein einzelner Mann mit einem Fernrohr und einer Hypothese für Orientierung und Stabilität sorgen. Dann braucht es alle.

→ Hier geht’s zu allen Literaturbrocken!


Literatur: Brecht, Bertolt: Leben des Galilei. 2017, S. 21.
GIF: Eigenkreation aus NASA-Aufnahme der Erde. (Quelle)