Schnüerlischrift

Geschriebenes

Heute Morgen versuchte ich, meinen Tagebucheintrag in Schnüerlischrift zu verfassen. Die Finger konnten sich vage an die Schulschrift erinnern. Aber das Resultat sah scheusslich aus.

Damit meine Schnüerlischrift wieder nach Schnüerlischrift aussehen würde, müsst mich mich hinsetzen und üben. Die Buchstaben nachzeichnen, wiederholen, verinnerlichen.

Es fühlt sich komisch an, die eigene Handschrift in ein Schema zu quetschen. Es fühlt sich falsch an, die über Jahre hinweg gewonnene Individualität der Linien aufzugeben. Es fühlt sich daneben an, die Buchstaben nicht nach Gefühl, sondern nach Vorlage aufs Papier zu bringen.

Doch bevor meine eigene Handschrift ihren Charakter gewann, bevor die A’s und O’s wie meine A’s und O’s aussahen, musste ich zuerst lernen, was A’s und O’s überhaupt sind. Ich musste mich hinsetzen, sie nachzeichnen, wiederholen und verinnerlichen.

Erst wenn man schreiben kann, kann sich eine eigene Schrift entwickeln.


Bild: Ausschnitt aus To All Appearances, It Has a Hand of Flesh and Blood Just Like My Own von Odilon Redon, 1896. (Quelle)