J.M.R. Lenz und der Konflikt zwischen Autonomie und Abhängigkeit

Geschriebenes

Der Standpunkt des Individuums ist von einer fundamentalen Spannung gekennzeichnet: Zum einen findet er sich in einer Abgrenzung, der spezifischen Besonderheit als Einzelwesen, zum anderen in der Zugehörigkeit zu einem größeren Ganzen, das eine Differenz der Teile überhaupt erst ermöglicht.

Diesen Konflikt zwischen der Autonomie des Individuums und seiner Abhängigkeit von anderen hat J.M.R Lenz in Über Goetz von Berlichingen (ca. 1775) eindrücklich zu Papier gebracht. Folgt man Lenz’ Blick zur einen Seite, entpuppt sich der Mensch als unbedeutendes Rad in der Maschine der Gesellschaft:

«Wir werden geboren – unsere Eltern geben uns Brot und Kleid – unsere Lehrer drücken in unser Hirn Worte, Sprachen, Wissenschaften – irgend ein artiges Mädchen drückt in unser Herz den Wunsch es eigen zu besitzen, es in unsere Arme als unser Eigentum zu schließen, wenn sich nicht gar ein tierisch Bedürfnis mit hineinmischt – es entsteht eine Lücke in der Republik wo wir hineinpassen […] wir drehen uns eine Zeitlang in diesem Platz herum wie die andern Räder und stoßen und treiben – bis wir wenn’s noch so ordentlich geht abgestumpft sind und zuletzt wieder einem neuen Rade Platz machen müssen.» (S. 637)

Dreht man den Kopf auf die andere Seite, sieht das Bild genauso fatal aus. Denn der Gegenpol des unterdrücken Menschen, der nicht von seinem Umfeld unterscheidbar ist, bildet die erschütternde Wirklichkeit des absolut autonomen Individuums:

«Wir sind alle in gewissem Verstand […] stumme Personen auf dem großen Theater der Welt, bis es den Direkteurs gefallen wird uns eine Rolle zu geben.» (S. 640)

Ohne Interaktion mit einer sozialen Gruppe, lebt der Mensch ein resonanzloses Leben in absoluter Stille. Versuche man in diesem «großen Schauspiel des Lebens» (S. 640) gegen seine Rolle anzukämpfen, werde man sich Kopf an die Kulissen stoßen. Was die bessere Alternative sei? Vielleicht – wie Lenz überlegt – der Versuch, sich voll und ganz seiner individuellen Rolle hinzugeben:

«Wenn jeder in seine Rolle ganz eindringt und alles daraus macht was daraus zu machen ist – denken Sie […]! welch eine Idee! welch ein Götterspiel!» (S. 641)


Literatur: Lenz, Jakob Michael Reinhold: Über Götz von Berlichingen. In: Ders.: Werke und Briefe in drei Bänden (Bd. 2). Herausgegeben von Sigrid Damm. Frankfurt am Main/Leipzig 2005, S. 637-641.

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