Von unnützen Büchern – Über den richtigen Umgang mit dem Medium Buch in Sebastian Brants «Narrenschiff» (1494)

Geschriebenes

Nach Bowkers® jährlichen Studie Self-Publishing in the United States verzeichnete das Jahr 2018 mit 1,6 Millionen ISBN-Anmeldungen von Büchern im Selbstverlag einen Zuwachs von 40% gegenüber dem Vorjahr. Der Trend der Eigenpublikation markiert eine fundamentale Wende in der Art und Weise, wie heute das Medium «Buch» produziert und rezipiert wird.

Durch den barrierefreien Publikations- und Distributionsprozess von Büchern verlieren traditionelle Verlage und Buchhändler an Bedeutung. Gleichzeitig sieht sich der Leser des 21. Jahrhunderts mit einer nie dagewesenen Masse an unselektierten schriftlichen Erzeugnissen konfrontiert. Unter diesen Umständen scheint es enorm wichtig, die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Medium «Buch» neu zu stellen.

Um für diese Frage eine Diskussionsgrundlage zu schaffen, bietet sich der Blick auf eine Epoche der Mediengeschichte an, in welcher der technologische Fortschritt eine ähnlich radikale Veränderung im Umgang mit Büchern nach sich zog. Der Buchdruck um 1500 ermöglichte eine neue Dimension der Produktion und Weiterverbreitung von Texterzeugnissen, die handschriftlich in dieser Grössenordnung unvorstellbar gewesen wären.

Eine einzigartige Perspektive auf die Wirkungskreise und Herausforderungen dieses Medienwandels bietet Sebastian Brants Narrenschiff von 1494. Brant reflektierte in seinem Werk die mediale Situation seiner Zeit machte den Umgang mit dem Medium «Buch» zu einem zentralen Thema des Narrenschiffs. Mit diesem Artikel wird versucht, aufzuzeigen, wie in Brants in seinem Buch die richtige Lektüre – unter Lektüre wird dabei sowohl der Akt des Lesens [1] als auch das gelesene Objekt selbst verstanden – inszeniert wird.

Zuerst wird die richtige Lektüre des Narrenschiffs behandelt. Dabei wird Brants Position im medialen Kontext seiner Zeit skizziert und sein Anspruch an das Narrenschiff sowie die Didaktik und Methodik des Werks behandelt. Danach wird die richtige Lektüre im Narrenschiff untersucht. Dieser Teil widmet sich der Herausarbeitung von Brants zentralen Aussagen in Bezug auf den adäquaten Umgang mit dem Medium «Buch» innerhalb der Kapitel des Narrenschiffs.

Die richtige Lektüre des Narrenschiffs

Beim frühen Buchdruck um 1500 handelt es sich um eine Mechanisierung eines anspruchsvollen und zeitaufwändigen Handwerks. Diese Mechanisierung erlaubt eine Vervielfältigung des gedruckten Wortes als Informationsträger und ermöglicht den Zugang zu erschwinglichem, tragbarem und leicht zugänglichem Wissen [3]. Allerdings geht mit einer erhöhten Verfügbarkeit von Büchern nicht automatisch eine weisere Gesellschaft einher. Dieses Spannungsfeld zwischen der Präsenz und Wirkung von Büchern stellt die Ausgangslage von Brants Narrenschiff dar.

Brants Zeitkritik: Medienlandschaft zur Zeit des frühen Buchdrucks

In den ersten zehn Versen der vorred in das narren schyff (→ Hier geht’s zum frühnhd. Text / nhd. Text) thematisiert Brant den medialen Kontext und die geistige Verfassung seiner Zeitgenossen:

All land syndt yetz voll heylger geschrifft […]
In maß / das ich ser wunder hab
Das nyemant bessert sich dar ab /
Ja würt al gschrifft vnd ler veracht
Die gantz welt lebt in vinstrer nacht
Und duot in sünden blint verharren
All strassen / gassen / sind voll narren [5]

Brant hält fest, dass es zur Zeit der Veröffentlichung des Narrenschiffs zu einer regelrechten Überflutung von schriftlichen Erzeugnissen gekommen sei. Die gschrifft vnd ler als das «hauptsächlichste Mittel der geistigen und religiösen Bildung» [6] scheint aber trotz ihrer quantitativen Verfügbarkeit keine besserung hervorzubringen.

Brant sieht dabei das Problem bei der Rezeption der Bücher. Die Verben verachten und verharren beschreiben die gesellschaftsübergreifende geistige Haltung seiner Zeitgenossen, selbstbestimmt – ob absichtlich oder unabsichtlich bleibt hier unklar – in einem finsteren Zustand der Narrheit zu verweilen.

Neben der inadäquaten Rezeption der gschrifft vnd ler lässt sich im Narrenschiff ebenfalls Kritik an der Situation auf der Produktionsseite erkennen. Im 103. Kapitel vom endkrist (→ Hier geht’s zum frühnhd. Text / nhd. Text) erwähnt Brant Buchdrucker, die aus dem rasant wachsenden Buchmarkt Profit schlagen. Ihr Selektionsprozess werde nicht nach inhaltlichen, sondern nach ökonomischen Gesichtspunkten gestaltet:

Vil trachten alleyn vff gewynn
Von aller erd sie buecher suochen
Der correctur etlich wenig ruochen
Vff groß beschisß vil yetz studyeren
Vil drucken / wenig corrigyeren
Sie luogen übel zuo den sachen
So sie mennlin / vmb mennlin machen
(103, 80-86)

Die Drucker würden auf der ganzen Welt Material zusammensuchen und unreflektiert vervielfältigen, ohne Berücksichtigung des individuellen Nutzens, den die Bücher hervorbringen können. Der Fokus liege nicht auf der Qualität, dem korrekten Inhalt und der sinnvollen Vermittlung, sondern auf der Quantität, der reinen Anzahl gedruckter Bücher. Der gewynn lasse sich nun mal maximieren, indem möglichst viel gedruckt und möglichst wenig Arbeit in die Korrektur investiert werde.

Im medialen Kontext des frühen Buchdruckzeitalters lassen sich bei Brant also zwei grundsätzliche Problemfelder identifizieren: (1.) die gewinnorientierte Produktionsmaschinerie der Drucker und (2.) die Ohnmacht der Zeitgenossen bzw. die inadäquate Rezeption im Angesicht des exponentiell ansteigenden Buchausstosses[8]. Die Inflation und Abwertung des Mediums gehen somit Hand in Hand. Das veranlasst, wie Joachim Knape festhält, eine «Überversorgung mit dem Medium Buch, doch gleichzeitig eine selbst verschuldete mentale Unterversorgung»[9]. Dies stellt für Brant ein Problem dar, weil das Potential des Mediums «Buch» – Wissen und Bildung – dadurch unerschöpft bleibt. Auf dieses Missverhältnis zwischen der Präsenz von Büchern und ihrer mangelhaften Rezeption möchte Brant mit seinem Narrenschiff aufmerksam machen und in Form des eigenen Buches ein Gegenmodell anbieten.

Brants Anspruch: Zweck und Methodik des Narrenschiffs

Die Zwecksetzung des Narrenschiffs wird als Rahmung in der Vorrede und am Ende des Buches expliziert:

Zuo nutz vnd heylsamer ler / verma=
nung vnd ervolgung der wyßheit / ver=
nunfft vnd guoter sytten: Ouch zuo ver=
achtung und straff der narheyt / blint=
heyt irrsal vnd dorrheit / aller staet / vnd
geschlecht der menschen
(V, Rahmentext)

Es lässt sich eine praktisch-philosophische Positionierung des Narrenschiffs herauslesen. Brant geht es um die unmittelbare Nützlichkeit und Anwendbarkeit seines Buches. Es soll einen nutz hervorbringen, eine lehr vermitteln, zu wyßheit verhelfen und in der Tradition moralistischer Dichtung [10] die lasterhaften Sitten der Menschen aller staet (= Stände) und geschlecht tadeln. Doch wie wird nun der Anspruch des Narrenschiffs als Medium geistiger und gleichzeitig moralischer Bildung umgesetzt?

Im Anschluss an die oben besprochene Schilderung der medialen Landschaft schreibt Brant in der Vorrede, dass er zu diser früst (V, 13) (= zu diesem Anlass) das narren schiff (V, 14) aufrüste. Das Schiff wird zur Metapher des Buches, indem es verschiedene Narrentypen an Bord nimmt bzw. abbildet. Das Narrenschiff ist eine Sammlung von 112 gleichartig aufgebauten Spruchgedichten [11], die mit einem Motto und einem Holzschnitt je ein Kapitel bilden. Die Kapitel thematisieren jeweils einen Narrentypus oder ein bestimmtes närrisches Attribut. Die bildniß[e] (V, 25) sollen im Rezipienten einen geistigen Prozess in Gang setzen:

Vnd findet dar jnn / wer er ist
Wem er glich sy / was jm gebrist /
Den narren spiegel ich diß nenn
Jn dem ein yeder narr sich kenn (…)
Dann wer sich für ein narren acht
Der ist bald zuo eym wisen gmacht
(V, 29-42)

Das Verfahren des Narrenspiegels funktioniert in vier Schritten [12]. Der Rezipient soll (1.) die Narrenkonstruktion in Text und/oder Bild wahrnehmen und (2.) eine geistige Spiegelung erleben. Dann sollen (3.) eigene Wesenszüge im Narrentypus erkannt und eine Zugehörigkeit festgestellt werden. Die Identifikation mit dem Narrentypus führt zu (4.) einem Umschlagen von Narrheit in Weisheit.

Damit der bewusstseinsverändernde Erkenntnisprozess in Gang gesetzt wird, muss der Rezipient zu den Informationen in Text und/oder Bild einen Selbstbezug herstellen. Der Narrenschiff ist also auf die Eigenaktivität des Rezipienten angewiesen, um die beabsichtigte geistige und moralische Besserung hervorzubringen. Das Medium fungiert hier als Trigger für eine individuelle mentale Auseinandersetzung mit dem transportierten Inhalt.

In den 112 Kapiteln werden die Narrentypen als Gegenbeispiele für eine vorbildliche Lebensführung inszeniert. Die Didaxe Brants geschieht ex negativo, indem sich der Rezipient in den negativen Eigenschaften in Text und/oder Bild wiedererkennt. Dieser indirekte Zugang zur persönlichen Besserung verstärkt die Eigenaktivität des Lesenden.

Allerdings impliziert dieses Verfahren, dass auch das Ideal des Weisen (das Gegenstück zum Narren) im Narrenschiff nur indirekt beschrieben werden kann. Der Fokus scheint aber bewusst auf der Fähigkeit zur Selbsterkenntnis zu liegen. Denn nach dem Leitspruch von Brants Didaxe gilt, wer sich für ein narren acht / Der ist bald zuo eym wisen gmacht (V, 41-42).

Die richtige Lektüre im Narrenschiff

Neben der Positionierung des Narrenschiffs als Musterbeispiel richtiger Lektüre liefern auch die einzelnen Kapitel wichtige Hinweise auf Brants Vorstellung einer adäquaten Lektürepraxis. Das Augenmerk wird automatisch auf das erste Kapitel des Narrenschiffs gelenkt, welches mit dem Titel von vnnutzen buchern den Bezug zum Medium explizit macht.

Der Büchernarr

(→ Hier geht’s zum frühnhd. Text / nhd. Text des ersten Kapitels)

Den vordantz hat man mir gelan
Dann jch on nutz vil buocher han
Die jch nit lyss / und nyt verstan
(1, inscriptio)

Im Motto des ersten Kapitels meldet sich der Narr selbst zu Wort [16]. In Ich-Form spricht er davon, dass er zwar viele Bücher besitze, diese aber weder lesen noch verstehen könne. Auf dem zugehörigen Holzschnitt ist ein Mann im Gelehrtengewand im zeitgenössischen Studierkontext vor offenem Buch abgebildet. Dieses Buch scheint er aber nicht zu lesen, sondern lediglich mit dem Wedel in der rechten Hand von Fliegen freizuhalten.

Allein aus dem Bild und der inscriptio lässt sich das oben besprochene Schema erkennen. Dargestellt wird ein bestimmter Narrentypus, der sich durch Ironiesignale in Text (sinnloser Bücherbesitz) und Bild (Narrenkappe und Fliegenwedel) erkenntlich macht. Was dieser Narr von sich gibt, darf wörtlich nicht ernst genommen werden, im Gegenteil: Die offensichtliche Lächerlichkeit weist auf den satirischen Gehalt des Kapitels hin. Der Büchernarr kann somit als Gegenbeispiel des idealen Rezipienten des Mediums identifiziert werden. Anhand Brants Didaxe können folglich durch die Negation des Inhalts Hinweise darauf gefunden werden, was nützliche Bücher sind bzw. wie dem Medium «Buch» einen Nutzen extrahiert werden kann.

Im ersten Kapitel wird eine Diskrepanz zwischen Bücherbesitz und Büchernutzung offensichtlich. Der Narr hat zwar einen grossen hort (= Schatz, 1, 5) von Büchern, jedoch kann er sie nicht verstehen. Verstehen darf hier in zweierlei Hinsicht interpretiert werden: Der Narr ist (1.) der lateinischen Sprache – der Gelehrtensprache seiner Zeit – nicht mächtig, wie sich im Verlauf des Kapitels zeigt und er kann (2.) dem Inhalt aufgrund seines Intellekts keine Bedeutung abgewinnen.

Diese Tatsache hindert ihn aber nicht daran, sich im Alltag auf seine libry (= Bibliothek) zu verlassen. Denn Bücher repräsentieren Wissen. Das zeigt sich daran, dass der Narr bei wissenschaftlichen Gesprächen auf seine Büchersammlung zu Hause verweist: Wo man von künsten (= Wissenschaften) reden duot / Sprich ich / do heym hab jchs fast guot (1, 9-10). Hier wird ein Vergleich zu Ptolemäus gezogen, der mit der Bibliothek von Alexandria den grösstmöglichen Bücher- bzw. Wissensschatz akkumulierte (Vgl. 1, 13-17). Scheinbar legitimiert durch den künig (= Ptolemäus, 1,13), der wie er selbst den Inhalt seiner Bücher nicht kannte, verweigert sich der Narr der Auseinandersetzung mit dem Wissen in seinen Büchern. Er sieht es gar für sinnlos an, sich über die Lektüre den Kopf zu zerbrechen und lebt nach der Maxime: Wer vil studiert / würt ein fantast (1, 22).

Der Büchernarr gibt sich mit dem körperexternen Wissen in Buchform zufrieden und verzichtet auf die kognitive Verinnerlichung desselben. Es scheint aber noch einen Schritt weiterzugehen: Aus der Perspektive des Narrs ist der Bücherbesitz nicht nur zu unterschieden von angeeignetem Wissen, sondern es scheint auch den Verzicht darauf zu rechtfertigen. Die Fassade des Gelehrten, so denkt der Narr, könne im gesellschaftlichen Milieu aufrechterhalten bleiben, ohne tatsächlich etwas zu wissen.

Im Kontext des jungen Buchdruckzeitalters wird das Medium «Buch» für eine breitere Masse erschwinglich. Der Büchernarr repräsentiert den problematischen Sammlertypen, der sich zwar Bücher leisten kann, ihnen aber keinen Nutzen abgewinnt. Brants Position, der mit seinem Narrenschiff einen praktisch-philosophen Zweck verfolgt, wird hier erkenntlich: Ex negativo warnt er vor «Ptolemäus-Nacheiferern»[19] und plädiert für eine Verinnerlichung und Anwendbarkeit des Wissens. Die naive Selbsteinschätzung des Narren, der glaubt, dass man von aussen seine Eselsohren nicht sehe, wird ins Lächerliche gezogen. Wer kognitives Wissen mit Bücherbesitz kompensieren möchte, der ist – so lässt sich daraus schliessen – selbst ein mullers thier (=Esel, 1, 34).

Was sich hier bestätigt, ist, dass sich der Titel von vnnutzen buchern nicht auf eine Qualität des Mediums oder seines Inhalts bezieht. Über den Inhalt der Büchersammlung des Narrens wird nämlich kein Wort verloren. Das vnnutz muss also als Konsequenz der inadäquaten, ignoranten Rezeption durch den Narren verstanden werden.

Wie in der vorred problematisiert, bleibt auch im ersten Kapitel das Potential des Buches für Bildung und Besserung unangetastet. Der Fokus wird auf den Umgang mit dem Medium gelegt. Es lässt sich daraus ableiten, dass nach Brant Bücher nur dann nützlich sind, wenn sie richtig rezipiert werden und praktisches Wissen hervorbringen.

Der Wissensbegriff am Beispiel der Studenten und des Arztes

Die richtige Lektüre hängt im Narrenschiff stark mit dem Wissensbegriff Brants zusammen. Im 27. Kapitel mit dem Titel von vnnutzem studieren (→ Hier geht’s zum frühnhd. Text / nhd. Text) skizziert Brant das närrische Studententum, das sich in ihrem Studium nutzloses Wissen aneignet [20]:

Die jugent acht der kunst gar kleyn
Sie lerent lieber yetz alleyn
Was vnnütz vnd nit fruochtbar ist
(27, 7-9)

Anders als der Büchernarr im ersten Kapitel setzen sich die Studenten mit Lernstoff auseinander. Allerdings lernen sie bloss, was vnnütz vnd nit fruochtbar ist. Hier tut sich eine Kluft auf zwischen der rehten kunst (27, 11) und vnnütz geschwetz (27, 11). Worin diese Kunst besteht bzw. die Wissenschaften bestehen, darauf gibt der Text keine Antwort. Es lassen sich aber wiederum durch die Negation der getadelten Beispiele Charakteristika des nützlichen Studierens identifizieren.

Die Studenten geben sich nach Brant in ihrem Studium mit geist- und belanglosen Spitzfindigkeiten ab. Ein Bespiel hierfür sind Diskussionen darüber, ob etwas von Sokrates oder Platon einhergehe (Vgl. 27, 15). Auswendig lernen gehört zu den Aufgaben der Studenten. Diese gespeicherten Informationen haben aber im Alltag keinen praktischen Nutzen. Denn nach Abschluss des Studiums kommen die Studenten heym mit schanden (27, 28) und die teure Ausbildung resultiert höchstens in einem Job als Kellner oder Druckergeselle[21]. Hier lässt sich Brants Ideal der Bildung herauslesen, das mit einem praktischen Nutzen des erworbenen Wissens einhergeht. Wenn das Studierte im Alltag nicht anwendbar wird, dann ist es, wie der Titel sagt, vnnutz.

Ein weiteres Beispiel inadäquater Wissensaneignung findet sich im 55. Kapitel von narrechter artzny (→ Hier geht’s zum frühnhd. Text / nhd. Text). Brant kritisiert hier das trügerische Label der Bildung. Denn wer sich zum Arzt [22] ausbilden lässt, aber nicht über medizinisches Wissen und Können verfügt, der sei ein gouckelman (= Scharlatan, 55, inscriptio):

Wer eym dottkrancken bsycht den harrn
Vnd spricht / wart / biß ich dir verkünd
Was ich jn mynen buechern fynd
(55, 2-4)

In der geschilderten Situation verzögert der närrische Arzt seine Diagnose und seinen medizinischen Ratschlag, um zuerst seine Bücher zu konsultieren. Das Medium «Buch» wird hier – wie beim Büchernarren – als körperexterner Wissensträger beschrieben. Der Arzt verfügt nicht über die Kompetenz, auf verinnerlichtes medizinisches Wissen zurückzugreifen. Indem er das Wissen in einem Buch nachschlagen muss, ist er im Moment des Arztbesuchs für den Patienten wertlos. Auch hier fehlt es an konkreter Anwendbarkeit, motiviert durch eine mangelhafte Auseinandersetzung und Verinnerlichung dessen, was in den Büchern steht.

Dass der Arzt, obwohl er in seiner Funktion, Gebrechen zu heilen, scheitert, dennoch die Autorität des Arztes beibehält, hat einen faden Beigeschmack. Brants Kritik geht aber noch einen Schritt weiter. Denn viele, die den Arztberuf ausüben, verschreiben unreflektiert Kuren, die sie einem krüter buochlin entnehmen oder von altten wybern hörten (55, 9-10). Zusätzlich zum Eingeständnis fehlender Kompetenz und dem Nachschlagen in medizinischen Lehrwerken wird hier das unwissenschaftliche Verschreiben von Allheilmitteln problematisiert. Es kann festgehalten werden, dass der praktische Nutzen des Wissens von einer vertieften und kritischen Auseinandersetzung sowie der kognitiven Verarbeitung qualitativer Quellen herrührt.

Diskussion

Auf den ersten Blick mag es paradox erscheinen., dass im Kontext der masslosen Bücherüberschwemmung ein zusätzliches Buch publiziert wird, welches das Medium «Buch» und dessen Rezeption reflektieren soll. Allerdings kritisiert Brant nicht die Quantität der Bücher per se, sondern bloss die problematischen Umstände auf der Produktions- und Rezeptionsseite. Das Potential des Mediums selbst wird von Brant nie in Frage gestellt.

Die Publikation in Buchform erlaubt Brant – sowohl inhaltlich als auch in der Art und Weise, wie der Inhalt kommuniziert wird –, einen Kommentar zum Status quo der Medienlandschaft vorzubringen. Was und wie etwas über die richtige Lektüre gesagt wird, hängen eng zusammen und können nur als richtige Lektüre selbst adäquat vermittelt werden.

Nach der Vorstellung Brants sind Bücher dann vnnutz, wenn sie vom Rezipienten nicht verstanden und nicht werden. Das Narrenschiff geht dieses Problem auf eine eigene Weise an, indem es in der Volkssprache geschrieben wurde und selbst Analphabeten die Möglichkeit bietet, anhand der Holzschnitte auf den Inhalt zu schliessen. Brants ambitioniertes Ziel, mit dem Narrenschiff eine Besserung der Menschen aller staet / vnd geschlecht (V, Rahmentext) zu verursachen (und damit für eine möglichst breite Zielgruppe nützlich zu sein), gelingt also dadurch, dass er die Verständnisschwelle so weit wie möglich herabsetzt.

Doch das Verstehen des Inhalts allein ist nicht das Ziel. Das in den Büchern vorhandene Wissen soll verinnerlicht werden und nicht bloss als körperexterner Speicher aufbewahrt sein. Diesem Anspruch soll das Narrenschiff gerecht werden, indem es durch die Negativdidaxe einen kognitiven Prozess im Rezipienten auszulösen versucht. Die Lehre des Buches ist nur ex negativo zugänglich und setzt somit eine Eigenleistung des Rezipienten voraus. Die Negativbeispiele in den Buchkapiteln sind nur dann nützlich, wenn über den transportierten Inhalt hinausgedacht wird.

Anders als die Lehrbücher und Nachschlagewerke der Studenten und des Arztes, entfaltet das Narrenschiff sein Potential erst dann, wenn sich der Rezipient mit dem Inhalt auseinandersetzt, einen Selbstbezug herstellt und daraus individuelle Schlüsse zieht. Brant gestaltete das Narrenschiff insofern als nützlich, dass das Wissen darin notwendigerweise mit einem kognitiven Erkenntnisprozess und damit einer individuellen Verinnerlichung einhergeht.

Zusätzlich geht richtige Lektüre geht bei Brant Hand in Hand mit seinem Wissensbegriff. Nach Brant soll Wissen einen praktischen Nutzen haben. Wenn das Wissen nicht auf die Anwendung bedacht ist, ist das Studium davon sinnlos, wie das Kapitel der Studenten gezeigt hat. Brant stellt mit dem Narrenschiff einen direkten Lebensbezug zum vermittelten Inhalt her. Die Narrentypen und die närrischen Attribute, die in den Kapiteln behandelt werden, sind aus dem Alltag gegriffen und sollen konkret zu einer vorbildlicheren, tugendhafteren Lebensführung verhelfen, wie im Rahmentext in der Vorrede und am Ende formuliert wird.

Was das Narrenschiff Brants eindrücklich zeigt, ist, wie das vermittelte Wissen und die Vermittlung als Einheit betrachtet werden. Brant ist sich bewusst, dass das potente Medium «Buch» nur dann ihre Wirkung entfalten kann, wenn die Rezeption stimmt. Und damit der bewusstseinsverändernde Rezeptionsprozess überhaupt in die Wege geleitet werden kann, muss sinnvolles Wissen in einer schlauen Didaxe vermittelt werden.

Das Narrenschiff kann somit durchaus als Prototyp der Vorstellung Brants einer richtigen Lektüre angesehen werden. Es hält den herausgearbeiteten Kriterien stand und implementiert die eigenen Ansprüche medial und inhaltlich kongruent auf eine sinnvolle Weise. Und dass sich das Werk zum Epochenbesteller mauserte, spricht wohl dafür, dass das Narrenschiff nicht nur Brants eigenen Ansprüchen richtiger Lektüre genügte.


Anmerkung

Grundlage dieses Artikels ist eine schriftliche Arbeit, die ich im Rahmen eines Seminars zum zu Sebastian Brants «Narrenschiff» an der Universität Zürich geschrieben habe. Für diesen Artikel habe ich die Arbeit gekürzt, überarbeitet, ihrer Formalia entledigt, und – um der besseren Lesbarkeit Willen – teilweise ganz umgeschrieben. Auf Wunsch kann ich die Arbeit gerne in Ihrer Originalversion zukommen lassen.

Bei den Bildern handelt es sich um Illustrationen aus Bracelli’s Bizzarie di Varie Figure von 1624 – Quelle (via PDR).

Fussnoten

[1] Brant arbeitet im Narrenschiff mit Text und Bild. Lesen bezeichnet hier im weiten Sinne die Wahrnehmung und Verarbeitung des gesamten Inhalts und beschränkt sich nicht nur auf das textliche Material.
[3] Vgl. McLuhan 1968, S. 186.
[4] Ebd., S. 21.
[5] Sebastian Brant 2011, S. 107. Zitate des Primärtexts werden im Text mit der Kapitelnummer und Verszahl angegeben. Für die Vorrede wird die Abkürzung «V» verwendet.
[6] Aus dem Kommentar Friedrich Zarnckes zum ersten Kapitel im Narrenschiff. In: Sebastian Brant 1854, S. 301.
[7] McLuhan 1968, S. 190.
[8] Vgl, Knape 2010, S. 266.
[9] Ebd., S. 267.
[10] Vgl. Knape 2008, S. 275.
[11] Ebd., S. 279.
[12] Vgl. Knape 2010, S. 263.
[13] Obwohl McLuhan das Buch und die Schift als prinzipiell heisse Medien bezeichnet (Vgl. McLuhan 1968, S. 36), kann durch die Zwecksetzung des Narrenschiffs das Medium nicht vollständig heiss sein, weil etwas vermittelt wird, das Beteiligung erfordert und über die Schrift an sich hinausgeht.
[14] Fuchs 1998, S. 90.
[15] Vgl. Knape 2010, S. 255.
[16] Die Sprecherstimme wechselt im Verlauf des Buches einige Male. Neben einzelne Narrentypen kommen z.B. im 13. Kapitel die Venus oder im 22. Kapitel die Personifikation der Weisheit in der Ich-Form zu Wort. Weil dieses Stilmittel aber nur vereinzelt verwendet wird, sollte ihm besondere Beachtung geschenkt werden.
[17] Vgl. Knape 2008, S. 284.
[18] Knape 2010, S. 260.
[19] Ebd., S. 268.
[20] Welche Kritik Brants in diesem Kapitel den Studenten und welche dem Bildungswesen gilt, wird für diese Untersuchung ausgeklammert. Der Fokus liegt auf dem Umgang mit Wissen.
[21] Der Job des Druckergesellen ist insofern spannend, weil die Studenten damit die Druckermaschinerie weiter antreiben und zur unreflektierten Vervielfältigung des Mediums Buch beitragen.
[22] Jemand, der sich nach Brant der artzeny (55, 7) annimmt, wird in diesem Abschnitt einfachheitshalber als «Arzt» bezeichnet, auch wenn Brant diese Berufsbeschreibung nicht explizit verwendet.
[23] Als Referenzpunkt dient Brants eigene Beschreibung der Funktionalität des Narrenschiffs. Ob das Format den beabsichtigten Leseeffekt tatsächlich auslöst oder nicht, wird hier aussen vor gelassen.

Literaturverzeichnis

Fuchs, Stephan: «… und netzen das bapyren schiff» Schiffsmetapher, Buchmetapher und Autordiskurs im Narrenschiff Sebastian Brants. In: Neophilologus Bd. 82 (1998), S. 83-95.

Knape, Joachim: Der Medien Narr. Zum ersten Kapitel von Sebastian Brants Narrenschiff. In: Ders.: Sebastian Brant und die Kommunikationskultur um 1500. Wolfenbüttel 2010, S. 253-271.

Knape, Joachim: Wer spricht? Rhetorische Stimmen, Poetologie und anthropologische Modelle in Sebastian Brants Narrenschiff. In: Hans-Gert Roloff/Jean-Marie Valentin/Volkhard Wels (Hgg.): Sebastian Brant (1457–1521). Berlin 2008 (Memoria 9), S. 267-287.

McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle. «Understanding Media». Übersetzt von Dr. Meinrad Amann. Düsseldorf und Wien 1968.

Sebastian Brant: Das Narrenschiff. Studienausgabe. Mit allen 114 Holzschnitten des Drucks Basel 1494, hg. von Joachim Knape, Stuttgart 2011.

Sebastian Brant. Narrenschiff. Hg. von Friedrich Zarncke, Leipzig 1854 (Nachdruck Darmstadt 1964).