5 (großartige) Bücher, die mein Jahr 2021 geprägt haben

Geschriebenes

Das Jahresende gibt immer Anlass dazu, mich durch meine physischen und digitalen Bibliotheken zu wühlen, mein unleserliches Randgekribbel zu überfliegen, die Haufen an Notizblättern zum Gelesenen durchs Zimmer flattern zu lassen. Unter den ca. 50 Büchern, mit denen ich dieses Jahr in Kontakt kam, waren viele englische dabei, eine Menge Hörbücher und vor allem sehr, sehr viel Gutes.

Es fiel mir deshalb außerordentlich schwer, meine eindrücklichsten Lektüren auf fünf zu reduzieren. Versucht habe ich es trotzdem – hier sind sie. (Und hier geht’s zu den Listen meiner prägendsten Bücher von 2020, 20192018 und 2017.)


Mary Shelley – Frankenstein

Es gibt kaum ein zweiter Text, der so oft und so vielfältig rezipiert wurde wie Frankenstein von Mary Shelley. Als ich dieses Jahr endlich dazu kam, mich mit diesem Klassiker auseinandersetzen, war ich überrascht. Erstens, weil die Körperlichkeit des Monsters – sein Aussehen, die Narben und die übermenschliche Statur – im Text gar keine große Rolle spielt und es vielmehr um geistige Ungeheuerlichkeiten geht wie z.B. Menschlichkeit, Zeugung und Gefühle. Und zweitens, weil das Werk so viel Denkfutter bietet, dass ich seit meiner Lektüre ununterbrochen von Frankenstein spreche (bzw. sprechen will).

→ Hier geht’s zum Original in Englisch.
→ Hier geht’s zur deutschen Übersetzung von Alexander Pechmann.
→ Hier geht’s zum hervorragend gelesenen Hörbuch in Englisch.


Robert Walser – Jakob von Gunten

«Vielleicht steckt ein ganz, ganz gemeiner Mensch in mir. Vielleicht aber besitze ich aristokratische Adern. Ich weiß es nicht», schreibt der Protagonist in Walsers Jakob von Gunten in sein Notizbuch. «Aber das Eine weiß ich bestimmt: Ich werde eine reizende, kugelrunde Null im späteren Leben sein.» Das Buch gibt einen außergewöhnlichen Einblick in eine Knabenschule, in der Erziehung, Autorität und Persönlichkeit aus einer alternativen Perspektive durchdekliniert wird. Wie vieles von Robert Walser ist das Werk voller scharfen Ecken und gespickt mit einer Menge subtilem Humor. Einfach herrlich!

→ Hier geht’s zum 11. Band der sämtlichen Werke, herausgegeben von Jochen Greven.


Anthony de MelloAwareness

Spirituellere Bücher zu empfehlen, ist heikel, weil sie mehr als bei andern Genres auf die Bereitschaft der Leserin oder des Lesers angewiesen ist, sich auf solche Belangen einzulassen. Falls man das aber ist, dann ist Awareness ein Schatztruhe, eine Notfalltablette oder ein Augenöffner – je nachdem was einen aktuell umtreibt. Ich habe die knapp 200 Seiten mit des indischen Jesuitenpriesters dieses Jahr einmal gelesen und zweimal gehört. Und ich habe die Witze, die Einfachheit seiner Sprache und die Schlagkraft von De Mellos Worten bereits wieder nötig.

→ Hier geht’s zum englischen Taschenbuch.
→ Hier geht’s zur unterhaltsamen Live-Aufzeichnung, zusammengeschnitten aus Vorträgen des Autors.


Jean-Dominique BaubySchmetterling und Taucherglocke

Dieses Buch wurde nach einem verheerenden Schlaganfall des Autors und Chefredaktors des Magazins Elle geschrieben und publiziert. Nach der Verletzung des Hirnstamms, die Bauby vollständig gelähmt zurückließ, reduzierten sich seine Kommunikationsmöglichkeiten auf die Bewegung seines linken Lids. Indem ihm das Alphabet immer wieder langsam vorgetragen wurde, diktierte er blinzelnd von seinem Rollstuhl und Krankenbett aus jeden Buchstaben der 150 Seiten. Aber nicht nur die Entstehungsgeschichte, sondern auch die poetischen Selbstreflexionen sind einzigartig. Ich selbst konnte mir das Blinzeln kaum verkneifen, weil ich beim Lesen ständig den Tränen nahe war.

→ Hier geht’s zur deutschen Übersetzung von Uli Aumüller.
→ Hier geht’s zur tollen Verfilmung von Julian Schnabel.
→ Hier geht’s zum englischen Hörbuch.
→ Hier geht’s zum französischen Original.


John Vaillant – The Tiger: A True Story of Vengeance and Survival

The Tiger rekonstruiert die legendäre Jagd auf den menschenfressenden Tiger in Primorje im östlich(st)en Teil Russlands Ende der 90er Jahre. Das außergewöhnliche Ereignis, welches im Titel und auf dem Cover im Zentrum steht, ist für Vaillant aber nur der Ausgangspunkt, um ein faszinierendes Portrait der sibirischen Wildnis und der postsowjetischen Psyche zu malen. Das Buch demonstriert, wozu Non-Fiction in der Lage ist. Mein nervöser Herzschlag und die knirschenden Schritte im knietiefen Schnee klingen immer noch nach.

→ Hier geht’s zum englischen Original.
→ Hier geht’s zur Übersetzung von Dagmar Mallet. (Hinweis: Ich kenne die deutsche Ausgabe selbst nicht und kann deshalb die Qualität der Übersetzung nicht beurteilen.)


Honorable Mentions

Neben den genannten Titeln hat mich Kafkas Ein Bericht für eine Akademie literarisch begeistert und Eaglemans kreatives Spiel mit dem Buchformat in Sum: Forty Tales from the Afterlives überrascht. Ich habe die ersten drei Bände der fantastischen Dune-Saga verschlungen, mit dem Hörbuch von To Kill a Mockingbird akustisch in den Südstaaten geschwelgt, mich ich in das Bilderbuch Stark wie ein Tiger verliebt bzw. verlacht und einen meiner Lieblingsmangas ONE-PUNCH MAN wiederentdeckt.


Welche Bücher haben bei Dir einen bleibenden Eindruck hinterlassen? Erzähl mir davon.


Anmerkung: Bei den Links handelt es sich um Amazon Affiliate Links. Wenn ein Buch (ohne Mehrkosten) über dieser Link gekauft wird, erhalte ich einen winzigen Kick-back. Danke dafür!

Bild: Detail aus Edward Penfield Self–Portrait (1898) von Edward Penfield – Quelle.