Sorry, nicht kompatibel.

Geschriebenes

«Du weisst, dass ich nicht besonders gern über meine Gemälde rede», meinte der Schweizer Künstler Olivier Mosset im Interview mit der Kuratorin Sabine Schaschl. «Der Grund dafür ist, dass sie sind, was sie sind: Gemälde. Ihr Verhältnis zur Sprache ist für mich schwer zu definieren.» Was du nicht sagst. Aber das ist ein Interview und du bist ein Künstler – also sprichst du über deine Kunst. Das gehört sich so. Punkt. Oder?

Unsere Zeit liesse sich vielleicht am adäquatesten als eine der Hyperkonnektivität und Hyperkompatibilität beschreiben: Wir leben und kommunizieren über nationale, sprachliche, kulturelle, technologische und mediale Grenzen hinweg.

Wir sind es gewohnt, im Apple Store einen Adapter zu kaufen, wenn das neue MacBook über keinen USB-Anschluss oder SD-Kartenleser mehr verfügt. Es ist alltäglich geworden, dass sich vor unseren Augen fremdsprachige Homepages in lesbare Artikel verwandeln und sich deutsche Untertitel unter russische Youtubevideos zaubern. Und es scheint auch völlig normal geworden zu sein, seinen Charakter in drei Worten zu beschreiben, das eigene Liebesleben in einem Filmtitel auszudrücken, die Gemütslage im Farbkreis zu bestimmen oder unsere Gefühle als Emojis zu versenden.

Konnektivität und Kompatibilität sind zu technologischen Herausforderungen geworden. Ganz egal, worum es sich handelt, wenn die Bandbreite und Übersetzungssoftware stimmt, lässt sich alles mit allem in Verbindung setzen. Words in Worte, Worte in Bilder, Bilder in Bits, Bits in Code, Code in Algorithmen, Algorithmen in Sprache – es wird froh und munter übersetzt, verwandelt, transferiert, angepasst und adaptiert, ohne sich Gedanken zu machen, ob durch diese Vernetzungs- und Übersetzungsprozesse möglicherweise etwas Wichtiges verloren geht.

Olivier Mossets Eingangskommentar verdient also, aus einem neuen Blickwinkel betrachtet zu werden. Denn er hat recht: Gemälde sind etwas, Sprache ist etwas anderes. Und egal, wie man das eine mit dem anderen in Verbindung setzt, Letzteres ist vermutlich niemals eine akkurate Repräsentation von Ersterem (oder umgekehrt).

Vielleicht lohnt es sich, jeweils kurz innezuhalten und zuzugeben: Sorry, ich kann nicht über meine Bilder sprechen. Sorry, ich kann diese Stimmung nicht in Worte fassen. Sorry, meine Gefühle lassen sich nicht als Emojis versenden. Sorry, für diese neue Perspektive gibt es keinen Adapter. Sorry, dieses und jenes sind leider nicht kompatibel.

Oder wenn einem das einen Schritt zu weit geht, muss man sich wenigstens bewusst sein: Man kann die Verbindung zwar herstellen, das Resultat ist aber ziemlich sicher etwas ganz anderes.

«Ich schreibe anders als ich rede, ich rede anders als ich denke, ich denke anders als ich denken soll und so geht es weiter, bis ins tiefste Dunkel.»

Franz Kafka in einem Brief an seine Schwester (1914)

Bild: Hippocampus, Fantasietiere (1596–1610) von Anselmus Boëtius de Boodt. (Quelle)