«Reddit Place» oder was passiert, wenn eine Million Menschen zusammen ein Bild malen?

Geschriebenes

Am 1. April 2017 startete das wohl grossartigste soziale Experiment unserer Zeit. Am Samstagmorgen stellte die Online-Plattform Reddit eine enorme Leinwand auf eine digitale Staffelei und drückte jedem ihrer User einen Pinsel in die Hand. Die Anweisungen für das Projekt Reddit Place (/r/place) beschränkten sich im Grunde auf zwei Worte: «Macht mal!»

Gut, einige wenige Spielregeln gab es. Auf der Fläche von einer Million Pixel (1’000 x 1’000) konnte jeder Nutzer jeweils ein einzelnes Pixel mit einer von 16 Farben einfärben. Danach musste man 5 Minuten warten und durfte dann das nächste Pixel mit seinem Pinsel bestreichen. Die farbigen Pixel konnten jederzeit von einem selbst oder einem anderen User übermalt werden. Das war dann aber schon alles. Der Rest lag in der Verantwortung der User.

Wenn ca. eine Million Menschen – so viele waren es zum Schluss der Aktion – mit einer Million Pinsel auf eine leere, weisse Leinwand zurennen, geschieht zu Beginn das, was man erwartet. Es lässt sich in einem Wort beschreiben: Chaos.

Doch es dauerte nicht lange, bis etwas Grundsätzliches realisiert wurde: Je kleiner der Pinsel, desto weniger Fläche kann damit bemalt werden. Und je grösser die Leinwand, desto geringer die Sichtbarkeit des einzelnen Pinselstrichs. Und weil die Fläche des Reddit Place so gross und der Handlungsradius eines einzelnen User so klein war, merkte die Community rasch: Alleine kann kein Bild gemalt werden.

So organisierten sich innert kürzester Zeit unzählige Gruppen, Gemeinschaften und Tribes, die sich für ein gemeinsames Ziel bzw. ein gemeinsames Sujet zusammenschlossen. Einige pinselten in patriotischer Manier die Flagge ihres Heimatlandes auf die Leinwand. Andere Gruppen zeichneten ihre Lieblings-Comic-Charaktere. Oder eine ganz kreative Gemeinschaft machte sich zum Ziel, eine möglichst grosse blaue Fläche in die rechte untere Ecke zu malen.

Und wie vermutet werden kann, bemühten sich bestimmte User und Usergruppen nicht darum, selbst kreativ zu sein, sondern die kreative Arbeit anderer zu zerstören. So wurde aus einem kollektiven Kunstprojekt ein Überlebenskampf, ein Kampf zwischen den usprünglichen, entgegengesetzten Naturkräften der Entstehung und Zerstörung, der Kreation und des Vandalismus.

Die Leinwand füllte und veränderte sich. Die Fläche verwandelte sich von einem Nährboden der gegenseitigen Inspiration zum Schlachtfeld von Nationen und Ideologien, zum bunten Marktplatz von Ideen und Produkten, zur Börse von Teilhaberschaften und Zugehörigkeiten bis zu einem gesellschaftlichen und kulturellen Ökosystem mit klimatischen Perioden, synergetischen Beziehungen und einer skrupellosen Ernährungspyramide.

72 Stunden nach dem Start wurde die Leinwand von der Staffelei genommen, lackiert und für die Ewigkeit versiegelt. Das Resultat darf sich sehen lassen. Und mit Resultat meine ich nicht nur das, was am Schluss der Zeitspanne übrig blieb. Mit Resultat meine ich den ganzen Entstehungsprozess mitsamt dem Denkzettel, was eine Community mit einem gemeinsamen Ziel, etwas Selbstorganisation, ein wenig Freiheit und einer Prise Wettkampfgeist gemeinsam erreichen kann: Nämlich etwas Aussergewöhnliches.

Hier gehts zum sehenswerten Time-Lapse-Video der Entstehung

Hier gehts zum hochauflösenden Endergebnis

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Und hier gehts zu einem aufschlussreichen Youtube-Kommentar der Aktion