Mode und Musil | Literaturbrocken #1

Geschriebenes

Es mögen alle vertrauten Zusammenhänge auseinanderfallen, alle Kategorien ausser Kraft gesetzt werden, alle Sehgewohnheiten zerschellen, wenn man etwas genauer hinschaue. Es werden einem die Dinge so erscheinen, wie sie wirklich sind und nicht so, wie sie die Routine vorgibt zu sein. Es sollen durch Verfremdung die Fesseln gelöst werden, die einen an die Blindheit und Besinnungslosigkeit der Masse knüpfen. Man lese dazu aus Triëdere in Robert Musils Nachlass zu Lebzeiten (1935):

« (…) Natürlich hängen damit die vielbelächelten Torheiten der Mode zusammen, die den Menschen ein Jahr lang verlängern und in einem andern Jahr verkürzen, die ihn dick machen und dünn, die ihn bald oben breit und unten schmal, bald oben schmal und unten breit machen, die in einem Jahr alles an ihm empor und im nächsten alles wieder bergab kämmen, die seine Haare nach vorn und hinten, rechts und links streichen. Sie stellen, wenn man sie ohne alles Mitfühlen betrachtet, eine überraschend geringe Anzahl von geometrischen Möglichkeiten dar, zwischen denen auf das leidenschaftlichste abgewechselt wird, ohne die Überlieferung jemals ganz zu durchbrechen. Werden auch noch die Moden des Denkens, Fühlens und Handelns einbezogen, von denen ähnliches gilt, so erscheint unsere Geschichte dem empfindlich gewordenen Auge kaum anders als ein Pferch, zwischen dessen wenigen Wänden die Menschenherde besinnungslos hin und her stürzt. Und doch, wie willig folgen wir dabei den Führern, die eigentlich selbst nur entgegengesetzt voranfliehen, und welches Glück grinst uns aus dem Spiegel entgegen, wenn wir Anschluß haben, aussehen wie alle, und alle anders aussehen als gestern! Warum das alles?! Vielleicht befürchten wir mit Recht, daß unser Charakter wie ein Pulver auseinanderfallen könnte, wenn wir ihn nicht in eine öffentlich zugelassene Tüte stecken.» (S. 86-87)

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Bild: Well-a-day, Is this my Son Tom vermutlich nach dem Schweizer Samuel Hieronymus Grimm, ca. 1773. (Quelle)

Literatur: Musil, Robert: Triëdere. Aus ders.: Nachlass zu Lebzeiten. 1975. S. 82-89.