Wie liest man ein Buch? Ein Nachdenken über das Lesen in Viererschritten

Geschriebenes
  1. Von Satz zu Satz.
  2. Von Seite zu Seite.
  3. Von Kapitel zu Kapitel.
  4. Vom Anfang zum Ende.

Liest man so ein Buch? Klar, so kann man man ein Buch lesen. Und nicht nur das! Es ist die gewöhnlichste Art, ein Buch zu lesen. Sie kann in vier Konventionen zusammengefasst werden:

  1. Man liest ein Buch.
  2. Man liest das Buch von vorne nach hinten.
  3. Man liest das Buch vollständig.
  4. Man liest das Buch bis zur letzten Seite.

Diese Art des Lesens kommt nicht von ungefähr. Schliesslich lernt man bereits in der Schule:

  1. Ein Buch ist bedeutsam.
  2. Ein Buch besitzt Autorität.
  3. Ein Buch verdient Respekt.
  4. Ein Buch fordert Opfer.

Wir haben alle schon am eigenen Leib erlebt, dass man oft während des Lesens:

  1. ein anderes Buch lesen möchte.
  2. einem die Spannungskurve nicht zusagt.
  3. einem ein Abschnitt oder Kapitel unnötig oder repetitiv erscheint.
  4. dem Buch nichts abgewinnen kann.

So kann es passieren, dass man:

  1. den «Leseansprüchen» nicht gerecht wird.
  2. in einem Buch steckenbleibt.
  3. im Steckenbleiben das Weiterlesen verhindert wird.
  4. man frustriert das Buch zur Seite legt und nicht mehr liest.

Doch wenn das Lesen dem Lesen im Weg steht, scheint es mir dringend notwendig:

  1. ein neues Verhältnis zu Büchern zu entwickeln.
  2. (gewissermassen) den Respekt vor Büchern zu verlieren.
  3. den Leseaufwand in ein Verhältnis zum persönlichen Gewinn zu stellen.
  4. das Buch den eigenen Absichten unterzuordnen.

Ist die Lektürepraxis hemmend anstatt aktivierend, müssen die Lesegewohnheiten auf den Kopf gestellt werden. Vielleicht so:

  1. Man kann mehrere Bücher parallel lesen
  2. Man darf im Buch hin- und herspringen.
  3. Man soll Stellen auslassen.
  4. Man hat die Erlaubnis, das Buch wegzulegen.

Denn meiner Meinung nach ist es auf jeden Fall wichtiger, überhaupt zu lesen, als in irgendeiner Form «richtig» zu lesen.

«Some books should be tasted, some devoured, but only a few should be chewed and digested thoroughly.»― Sir Francis Bacon


Vier abschliessende Bemerkungen:

  1. Bücher brauchen Geduld. Es ist nun mal so, dass viele Bücher nicht auf der ersten Seite ihr volles Potential entfalten. 100 Seiten minus das Alter scheint mir eine sinnvolle Faustregel, an die man sich halten kann. Mit dem Alter darf man ruhig etwas selektiver werden 🙂
  2. Ein Buch ist ein Commitment. Und weil es viel Zeit in Anspruch nimmt, sollte man sich um die Auswahl des Bücher, Gedanken machen. Anstatt das vorderste Buch im Regal oder das oberste auf der Bestsellerliste in die Hand zu nehmen, lohnt es sich, auf die Empfehlung von Autorinnen und Bloggern zu hören, denen man vertraut. Eine Vorauswahl ist wertvoll. (Was natürlich nicht bedeutet, dass einem das Buch trotzdem nicht zusagen könnte.)
  3. Man muss zwischen Genres unterscheiden. Während es bei einem Sachbuch Sinn machen kann, sich zuerst einen Überblick über die Struktur und das Argument zu verschaffen, würde man sich wohl bei einem Whodunit den Lesespass verderben, wenn man auf der letzten Seite beginnt.
  4. Es gibt kein «richtiges» Lesen. Es kommt immer darauf an, in welchem Kontext und zu welchem Zweck ein Buch gelesen wird.

Bild: Madame Joseph-Michel Ginoux (1888–1889) von Vincent Van Gogh – Quelle.