Und Doderer und Umwege | Literaturbrocken #11

Geschriebenes

Bücher wie Heimito von Doderes Die Wasserfälle von Slunj sind Umwege: Will man zügig am Ziel ankommen, wird man ungeduldig. Packt man aber genügend Zeit und den nötigen Proviant mit ein, kann der Umweg zum Selbstzweck werden. Doch darf man überhaupt noch von einem «Umweg» sprechen, wenn dieser zweckmäßig ist? Lasst uns dies an einem Beispiel überdenken:

[…] vom einen Tage auf den anderen wählte nun der junge Herr von Chlamtatsch einen anderen Weg zur Schule, der einigermaßen ein Umweg war. Dieser konnte freilich nur beschritten werden, wenn man morgens rechtzeitig aufstand und mittags ohne Verzug und Eckensteherei heimging, denn im Hause Chlamtatsch wurde pünktlich gegessen und Verspätungen bei so ernstem Anlasse duldete der Vater Chlamtatsch nicht. Zdenko von Chlamtatsch (so hieß unser Schüler) wollte aber seinen Umweg genießen, das heißt gemachsam dahingehen […], und dazu gehörte nun freilich einiges: nicht nur Zeit, sondern auch eine nicht gar zu flüchtig gemachte Morgentoilette, ja, im weiteren Verlaufe dieser Bestrebungen, auch ein korrekt erledigtes Pensum der Schularbeiten, denn es ging einfach nicht mehr an, sich knapp vor Beginn der ersten Unterrichts-Stunde noch schnell was durchzulesen oder solches tun, während der Professor schon auf dem Katheder stand. Die Sachen wurden immer mehr und mehr in aller Ruhe abgeschlossen; der Schulweg morgens war so hastig nicht mehr und nicht so direkt; es war ja ein Umweg. (S. 21-22)

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Literatur: Doderer, Heimito von: Die Wasserfälle von Slunj. München 2015.
Bild: Holzschnitt von Robert Seaver aus The diverting history of John Gilpin : shewing how he went further than he intended, and came safe home again (1906) – Quelle.