5 Bücher für die Corona-Krise

Geschriebenes

Es ist eine seltsame Zeit. Es scheint, als hätte jemand die Regeln der Welt umgekehrt. Die Gesetze von gestern gelten nicht mehr. Man glaubt es nicht – zumindest ich noch nicht –, aber man steckt mittendrin.

Wie soll man leben? Wie soll man sich verhalten? Was soll man darüber denken? Ja, was soll man überhaupt denken? Diese Fragen gilt es neu für sich zu beantworten. Und das ist gar nicht so einfach, weil es auch nicht mehr so klar ist, woran man sich denn orientieren kann oder sollte.

Zum Glück sind wir nicht alleine. Wir haben uns und wir haben Werkzeuge, um unsere Sorgen und Hoffnungen zu teilen, zu spiegeln und zu hinterfragen. Eines dieser Werkzeuge ist für mich das Lesen. Ich meine nicht News und Headlines, sondern Literatur. Literatur unterstützt mich dabei, mein Denken zu richten, dem realen Geschehen etwas Perspektive zu geben und es zu verarbeiten.

Zu diesem Anlass habe ich fünf Bücher zusammengestellt, die mir geholfen haben und auch dir helfen können, diese verrückte Welt etwas besser zu begreifen. Ich wünsche gute Gesundheit, viel Ausdauer, eine robuste Stimmung und Spass beim Lesen! Nutzen wir die Zeit und machen das Beste aus der Situation!

Die Pest (1947) von Albert Camus

An der Westküste Algeriens bricht die Hölle los. Die Stadttore werden abgeriegelt. Die Bevölkerung wird sich selbst überlassen. Es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod. Oder besser: ein Kampf für das Leben und gegen den Tod.

Das Werk des französischen Nobelpreisträger führt einem vor Augen, was das Wort «Ausnahmezustand» bedeutet. Die nüchterne und unbarmherzige Darstellung der Umstände durch die Augen, das Herz und das Skalpell eines Arztes machen die Lektüre zu keinem Genuss. Es schmerzt. Es schnürt einem den Hals zu. Es bringt das Blut zum Kochen. Doch so haarsträubend das Porträt der verwesenden Stadt auch sein mag, selbst in den engsten Strassen und Gassen voller Grausamkeit, Gestank und Geschrei ist Platz für Stärke, Menschlichkeit und Zusammenhalt. Und das braucht es dringend.

«Plagen sind ja etwas Häufiges, aber es ist schwer, an Plagen zu glauben, wenn sie über einen hereinbrechen. Es hat auf der Welt genauso viele Pestepidemien gegeben wie Kriege. Und doch treffen Pest und Krieg die Menschen immer unvorbereitet. (S. 46)»

Das Tagebuch (*1988) der Anne Frank

«Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine grosse Stütze sein.»

So lautet der erste Eintrag in Anne Franks Tagebuch am 12. Juni 1942, das eigentlich als Poesiealbum gedacht war. Über die nächsten Monate und Jahre füllen sich die Seiten mit Erlebnissen und Erfahrungen, die wir keinem jungen Mädchen wünschen. Was sie erlebt, ist das Zeugnis einer vergangenen, grausamen Zeit. Doch wie sie es erlebt, davon kann man auch für die aktuelle Situation eine Menge lernen.

Das Tagebuch zeigt eindrücklich, wie das Schreiben als Reflexionspraxis aus einem Schulmädchen eine reife Frau macht. Konfrontiert mit Unmöglichem, hilft ihr das Schreiben, ihre Gedanken zu ordnen, ihre Weltsicht zu richten, das Geschehen zu verarbeiten und die Umstände (zumindest teilweise) erträglicher zu machen.

Im Westen nichts Neues (1929) von Erich Maria Remarque

Die Zeit frisst sich unter Hochspannung dem 19-Jährigen Protagonisten des Kriegsklassikers in die Knochen. Was, weshalb und wie lange noch? Man hat keine Ahnung und keinen Einfluss. Doch es gilt, auszuhalten.

Die Zermürbung, der Verschleiss und die Sinnlosigkeit machen sich auch beim Lesen erleb- und spürbar. Wir sind zwar nicht im Krieg, ja weit davon entfernt, aber es zeigen sich viele Parallelen zum grossartigen Werk von Remarque. Es dauert, ohne das Ende zu kennen. Es passiert, ohne dass es vorwärts geht. Man leidet, aber jeder auf seine Weise. Man möchte über Erfahrungen sprechen, doch stösst an die Grenzen der Sprache.

«Trommelfeuer, Sperrfeuer, Gardinenfeuer, Minen, Gas, Tanks, Maschinengewehre, Handgranaten – Worte, Worte aber sie umfassen das Grauen der Welt.»

Selbstbetrachtungen von Marc Aurel (121-180)

Es hat etwas, wenn man 2000 Jahre später dem mächtigsten Mann seiner Zeit zusehen kann, wie er sich in intimsten Rahmen in Bescheidenheit und Zurückhaltung übt. Die Selbstbetrachtungen des römischen Kaisers sind persönliche Ermahnungen und Erinnerungen, über die er jeden Abend in seinem persönlichen Notizbuch schriftlich meditierte. Er hätte sich alles erlauben können. Aber er tat es nicht.

Wir haben kein Imperium, keine globalen Gegner, keine mächtigen Intriganten, aber auch wir kämpfen mit Unsicherheit und Anspannung. Gerade jetzt.

In seiner Grösse ist das kleine Büchlein Balsam für ein aufgeregtes Gemüt, ein pragmatischer Werkzeugkasten für den Schlimmstfall und eine Erinnerung, über die eigenen Einstellungen nachzudenken.

«Eine bittere Gurke? Wirf sie weg! Dornensträucher im Weg? Weiche ihnen aus! Das ist alles. Frage nicht noch: Wozu gibt es solche Dinge in der Welt?»

Der Mensch erscheint im Holozän (1979) von Max Frisch

Es ist ein sonderbares Werk. Besonders im Vergleich zu den anderen vier. Aber gerade in der heutigen Zeit hat es etwas Aufmerksamkeit verdient.

Das Buch erzählt die Geschichte von Herrn Geiser, der wegen eines Unwetters isoliert von der Welt in einem kleinen Dorf im Tessin festsitzt. Gut, es wird eher gesammelt als erzählt: Erfahrungen, Gedanken, Artikel, Wissen, Erinnerungen. Lose, zusammenhängend, fortschreitend. Das Buch ist ein Kampf gegen die Zeit, gegen ein Vergessen und Vergessen-werden.

Es braucht etwas Geduld, um dieser Collage eines einsamen Menschen in Quarantäne etwas abzugewinnen. Aber es lohnt sich. Und vielleicht hat man am Ende – so wie ich – einen besseres Gefühl dafür, was wirklich zählt, wenn die Welt zusammenzubrechen scheint.

„Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.“


Bild: Ausschnitt aus The Book of Light (1893) von Odilon Redon – Quelle.


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