«Spannend» und «interessant» und andere inflationäre Dinge

Geschriebenes

Während einem halben Jahr fuhr ich jeden Tag die gleiche Strecke zur Arbeit: 8 Minuten. Vierzehn Bremsschwellen. Vierzehn! Keine sanften, die sich bei gemütlichem Tempo überrollen lassen, sondern aggressive Kanten, die bei Geschwindigkeiten über 10 km/h die Stossdämpfer durch die Karosserie jagen und das Rückgrat zerschmettern. Ach, wie oft ich geflucht habe! Ständig die gleiche Prozedur: Bremsen – Hirnerschütterung – Beschleunigen. Immer und immer wieder.

Und doch: Nach einem Monat habe ich mich kaum mehr darüber aufgeregt. Nach zwei Monaten war ich daran gewöhnt. Nach drei Monaten gehörte das Ruckeln zum Frühstück und nach vier Monaten habe ich die Schwellen gar nicht mehr wahrgenommen.

Selbst wenn es jedes Mal um Leben und Tod gehen würde – irgendwann würde es sich zumindest nicht mehr so anfühlen. Das inflationäre Auftreten eines bestimmten Phänomens verändert unsere Haltung von einem Aufhorchen zu Vertrautheit und und von Vertrautheit schliesslich zu Ignoranz.

Genau gleich funktioniert es auch mit dem Sprachgebrauch. «Spannend» und «interessant» meinten vielleicht einmal das, was sie bedeuten. Sie übernahmen die Funktion einer Bremsschwelle, sorgten für Verlangsamung und zogen die Aufmerksamkeit auf sich. Doch wenn man überall Bremsschwellen aufstellt, sind sie nichts Besonderes mehr, sondern Teil der Strasse.

«Spannend» und «interessant» sind praktische Wörter: Sie lassen sich so ziemlich überall einsetzten, zeigen Engagement und verkörpern Commitment. Doch wenn alles «spannend» und «interessant» ist, ist gleichzeitig nichts mehr «spannend» und «interessant».

Was kann man also machen, wenn «spannend» und «interessant» nicht mehr spannend und interessant sind?

Eine Möglichkeit besteht darin, dass man spezifischer wird. Spannend wird es, wenn man sagt, weshalb etwas «spannend» ist. Und interessant ist etwas, wenn formuliert wird, was genau «interessant» ist. Wenn man spezifisch wird, zeigt sich, dass der Inhalt das zentrale Element ist, und nicht die Betonung davon. Wenn etwas wirklich «spannend» und «interessant» ist, merkt man es, ohne dass es gesagt werden muss.

Eine Alternative ist, andere Worte zu verwenden; Worte, die nicht an jeder Ecke, zu jeder Tageszeit und zu jedem Preis über den Ladentisch gehen. So können zum Beispiel «anregend», «reizvoll», «fesselnd», «tiefgründig», «eigenartig», «stechend», «provokant» oder «anstossend» für ein Gegenüber viel spannender und interessanter als «spannend» und «interessant» sein.

Nachdem ich die gleichen Worte 13 Mal in diesem Beitrag verwendet habe, zeigt sich auch die letzte Möglichkeit: Sie nicht mehr inflationär, sondern nur noch zu verwenden, wenn sie wirklich nötig sind. Durch eine punktuelle Anwendung, können sie wieder ihren ursprünglichen Stellenwert einnehmen. Ich weiss, es ist schwierig. Auch ich kann mich kaum dagegen wehren. Ich verstehe, dass sie Teil unserer Kultur geworden sind. Aber es lohnt sich.

Weniger Bremsschwellen sind effektiver als viele und Worte haben mehr Bedeutung, je bewusster sie angewendet werden.


Titelbild: Alphonse Bertillon’s Synoptic Table of Physiognomic Traits, ca. 1909 (Quelle)
Diagramme: Wortverlaufskurven des DWDS